Zwei Drittel der Angestellten macht „Dienst nach Vorschrift“ – zum Glück!

Die Kolumne von Damian Sicking

Alle Jahre wieder kommt das Gallup-Institut daher und misst den deutschen Arbeitnehmern den Puls. Das Ergebnis ist immer mehr oder weniger das gleiche und daher vorhersehbar: Ein Großteil der deutschen Angestellten hängt sich nicht so rein, wie sie sich reinhängen könnten, sie machen, wie die Gallups jedes Jahr erneut beklagen, „Dienst nach Vorschrift“. Sage und schreibe mehr als zwei Drittel aller Arbeitnehmer, will Gallup herausgefunden haben, gehören in diese Null-Bock-Kategorie. Und die meisten Medien in Deutschland stimmen in dieses Jammern an: „Deutschland macht Dienst nach Vorschrift – schlimmschlimmschlimm!“.

Ich halte das Geflenne über Mitarbeiter, die „Dienst nach Vorschrift“ machen, für einen großen Irrtum. Es besteht überhaupt kein Grund zur Klage, wenn Mitarbeiter „Dienst nach Vorschrift“ tun. Im Gegenteil. Ein Unternehmen, dessen Angestellte „Dienst nach Vorschrift“ leisten, sollte deshalb zwar nicht gleich in Jubel ausbrechen, aber es ist auch kein Unglück. Die Firma bekommt nämlich von seinen Mitarbeitern nicht mehr und nicht weniger als das, worauf sie und ihre Angestellten sich im Arbeitsvertrag geeinigt haben. „Dienst nach Vorschrift“ ist nämlich nur eine andere Formulierung für „erfüllt seinen Arbeitsvertrag“. Im Arbeitsvertrag wird geregelt, wer welche Leistungen zu erbringen hat – in der Regel sind dies auf Arbeitnehmerseite die Arbeitsleistungen und auf Arbeitgeberseite die Gehalts- oder Lohnleistungen. Beide Parteien verpflichten sich, ihren Teil der Abmachung einzuhalten. Nun kann man einen Arbeitnehmer genauso wenig dafür tadeln, dass er die Leistungen erbringt, zu denen er sich im Arbeitsvertrag verpflichtet hat (und nicht mehr), wie den Arbeitgeber, dass er genau das Gehalt überweist, zu dem er sich verpflichtet hat (und nicht mehr).

Call center team

„Dienst nach Vorschrift“ ist eine andere Formulierung für „erfüllt seinen Arbeitsvertrag“.

Kurzum: Wenn das Unternehmen „Gehalt nach Vorschrift“ zahlt – also in der im Arbeitsvertrag vereinbarten Höhe –, dann darf es sich nicht darüber beklagen, wenn im Gegenzug die Angestellten ebenfalls „Leistungen oder Dienst nach Vorschrift“ erhält. Wenn das Unternehmen von seinen Mitarbeitern eine höhere Leistung verlangt, sollte es Verständnis dafür haben, dass die Mitarbeiter im Gegenzug eine höhere Kompensation verlangen, um die Waage im Gleichgewicht zu halten.

Andere im Umlauf befindliche Redewendungen sind nicht besser. So beklagte das Marktforschungsunternehmen IFAK Svor einiger Zeit,  dass die Mehrheit der Beschäftigten (64 Prozent) am Arbeitsplatz „das Pflichtprogramm abspule“. Ein schönes Beispiel, wie man mit Sprache Meinungen machen kann. Denn der Ausdruck „das Pflichtprogramm abspulen“ ist nichts anderes als eine andere Formulierung für „seine Pflicht tun“, nur mit einem negativen, tadelnden Unterton. Hier gilt das gleiche, was ich bereits zu der Formulierung „Dienst nach Vorschrift“ gesagt habe. Sollte ein Unternehmen sich nicht freuen, wenn seine Angestellten „ihre Pflicht tun“? Sollte man jemanden, der seine Pflicht erfüllt, nicht eher loben als tadeln („Müller, jetzt reicht´s mir, Sie bekommen jetzt eine Abmahnung; Sie haben zum wiederholten Male Ihre Pflicht erfüllt.“)?

Natürlich wünscht sich jedes Unternehmen Mitarbeiter, die mehr als tun als ihre Pflicht und das, was der Arbeitsvertrag von ihnen verlangt („Vorschrift“). Denn dies ist ja immer nur die Mindestleistung, zu der sie sich verpflichtet haben. Aber auf der anderen Seite kann ein Unternehmen nicht mit jemandem einen Vertrag schließen und sich anschließend darüber beklagen, wenn der andere den Vertrag einhält. Und genauso, wie das Unternehmen sich freut, wenn ihre Angestellten eine höhere Leistung zeigen als im Arbeitsvertrag vereinbart, freuen sich die Angestellten, wenn das Unternehmen seinerseits eine höhere Gegenleistung in Form einer besonderen Anerkennung leistet. Das kann Geld sein, muss aber nicht. Letzten Endes gilt: Die Waage muss im Gleichgewicht sein.

So sehe ich es jedenfalls. Andere mögen es anders sehen.

Übrigens: In einem Interview mit der Wirtschaftswoche brachte der Gallup-Studienleiter Marco Nink ein Beispiel für einen Mitarbeiter, der seiner Meinung nach in die Kategorie „Dienst nach Vorschrift“ fällt. Ich zitiere: „In einer Wiesbadener Buchhandlung suchte ich einen bestimmten Mauritius-Reiseführer. Der Mann am Infostand schickt mich weg zum Regal mit den Worten: `Wenn er da nicht ist, haben wir ihn auch nicht.´” Sicherlich ein Fall für ein ernstes Personalgespräch. Aber: Dies ist kein Fall von „Dienst nach Vorschrift“ im Sinne „Der Mitarbeiter tut das, was sein Arbeitsvertrag von ihm verlangt“, sondern dies ist ganz eindeutig ein Nichtpflichterfüllung.

 

 

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