„Wer Karriere machen will, muß schon ein bisschen Menschenfresser sein“

Die Kolumne von Damian Sicking

Chefs, macht eure Mitarbeiter glücklich“, forderte vor kurzem der Experte Prof. Dr. Karlheinz Ruckriegel in der Wirtschaftswoche„Warum man nicht zu nett sein sollte“ , warnte dagegen ein anderer Experte, Michael Fertik, in der Zeitschrift Harvard Business Manager.

Ja was denn nun? Sollen die Vorgesetzten ihre Mitarbeiter jetzt glücklich machen oder sollen sie lieber doch nicht nett sein? Oder sollen die Chef ihre Angestellten zwar glücklich machen, aber nicht durch Nettsein? Oder sollen sie zwar nett sein, aber nicht „zu“ nett sein?

Also zunächst mal zum Thema „glücklich machen“. Sollen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter glücklich machen? Können sie es überhaupt, und dann auch noch dauerhaft? Die Antwort auf beide Fragen lautet: Ja, aber nur in dem Sinne, dass Vorgesetzte ihren Mitarbeitern Gelegenheiten bieten und verschaffen sollen, Erfolgserlebnisse zu erfahren. Erfolge machen glücklich, und zwar in erster Linie denjenigen, der sie errungen hat. Die Antwort auf die beiden in Rede stehenden Fragen lautet aber ebenso klar: Nein, und zwar in dem Sinne, dass … also in jedem anderen Sinne. Im üblichen Sinne von „glücklich sein“ können und sollen Vorgesetzte ihre Mitarbeiter nicht glücklich machen. Glücklich sein, und dann auch noch dauerhaft glücklich sein, ist in unserem privaten Leben schon schwierig genug, oft sogar ein Ding der Unmöglichkeit („Ich bin seit 20 Jahren glücklich verheiratet.)“. Da ist es ein bisschen viel verlangt, wenn man auch noch in und mit seiner Arbeit dauerhaft glücklich sein will. Das ist eine sehr anspruchsvolle Einstellung, wenn Sie mich fragen, und wer mit ihr an seine Arbeit herangeht, wird früher oder später enttäuscht werden (müssen).

Also noch einmal zum Mitschreiben: Es ist ganz sicher nicht die Aufgabe eines Vorgesetzten, seine Mitarbeiter glücklich zu machen, es sei denn in dem Sinne, dass er ihnen dabei hilft, Erfolgserlebnisse zu erfahren.

Team im Büro schaut auf defekten Computer

„Chef, Sie sind so nett, Sie machen uns total glücklich.“

Kommen wir nun zu dem anderen Experten und seinem Rat, nicht „zu nett“ zu seinen Mitarbeitern zu sein. Also wenn ich ihn richtig verstehe, soll der Vorgesetzte zwar nett sein, aber nicht „zu nett“. Hm, hilft Ihnen das weiter? Wo genau ist zum Beispiel die Grenze zwischen „nett“ und „zu nett“? Wenn Sie sie kennen, schreiben Sie ein Buch darüber (kleiner Scherz). „Nett“ ist meiner Meinung genauso ein Wort wie „glücklich machen“: Es hat in der Beschreibung der Beziehung zwischen Chef und Mitarbeiter nicht viel verloren. Respekt, Wertschätzung, Achtung – das ist es, worauf es ankommt, in beiden Richtungen übrigens, nicht nur vom Voregsetzten zum Mitarbeiter. Aber nett?

Da gibt es den Spruch, den Sie vielleicht auch schon mal gehört oder gelesen haben: „Nett ist die kleine Schwester von scheiße“. Es gibt sogar ein Buch mit diesem Titel. Ich habe zwar noch immer nicht genau verstanden, was das heißt, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass es tendenziell eher negativ gemeint ist. Wollen Sie also ein netter Vorgesetzter sein? Vermutlich dann doch eher nicht. Und schon gar nicht ein „zu netter“ Vorgesetzter, nehme ich an.

Ich habe bereits im vergangenen Jahr an dieser Stelle eine noch immer sehr lesenswerte Kolumne mit dem Titel „Durch Nettsein gewinnt man keine Marktanteile“ geschrieben. Damit Sie nicht erst wieder irgendwohin klicken müssen, war ich jetzt mal so nett (!) und habe den Text – ein klein wenig überarbeitet – einfach nochmal hierher gestellt:

Der Europa-Chef eines großen IT-Unternehmens sagte anlässlich seines Ausscheidens aus dem Unternehmens folgenden Satz: “Konstanz, Gradlinigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit, das ist das, was es in dieser Industrie braucht.” Komisch, ich dachte bis jetzt, dass es in der Wirtschaft auf folgende Verhaltensweisen ankomme: Rücksichtslosigkeit, Brutalität, Verschlagenheit, Egoismus. Zumindest dann, wenn man Erfolg haben will. Durch Nettsein gewinnt man keine Marktanteile, oder? “Man muss ein Schwein sein”, sagte mir eine Kollegin, als wir in der Kantine über die Aussage dieses Managers sprachen. Na ja, vielleicht ein bisschen übertrieben, aber vielleicht auch nicht.

Mit seinem Satz sagte der Manager außerdem, dass es seiner Ansicht nach in der IT-Branche (ersetzen Sie “IT” durch diejenige, in der Sie tätig sind) keine oder zu wenig Konstanz, Gradlinigkeit, Offenheit, Ehrlichkeit gibt. Ja wie denn auch? Ich meine, wir reden von Managern, von Geschäftsführern und Vorständen, und nicht von evangelischen Pastoren und buddhistischen Mönchen.

Bitte beantworten Sie sich folgende Frage: Wenn Sie selbst einen Manager einstellen sollten für einen wirklich schwierigen Job, würden Sie dann jemanden nehmen, dessen hervorstechendste Eigenschaften darin bestehen, dass er gradlinig, offen und ehrlich ist? Und wie lange könnte sich dieser Mann auf seinem Stuhl halten, bis er entweder gefeuert wird oder frustriert selbst das Handtuch wirft? “Wer heutzutage Karriere machen will, muß schon ein bißchen Menschenfresser sein”, soll Salvador Dali gesagt sein. Und das ist viele Jahre her! Die Dinge sind seitdem nicht besser geworden.

Damit das klar ist: Ich bin ein großer Anhänger von Gradlinigkeit, Offenheit und Ehrlichkeit, und es ist meine tiefe Überzeugung, dass die Verhaltensweisen in vielen Bereichen des Lebens (Familie!) unverzichtbar sind. Und natürlich ist es wünschenswert, dass sie auch im Berufs- und Wirtschaftsleben eine wichtige Rolle spielen würden. Aber ich fürchte, dass es mindestens zwei Menschen gibt, die die Realisierung dieses Wunsches nicht mehr miterleben werden: nämlich Sie und mich.

 

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