Warum Manager mehr fliegen sollten, auch Langstrecke

(Der folgende Text stammt aus meinem Buch „Professor Bosses total verrückte Karrieretipps„. Prof. Dr. Hans-Dieter Bosse ist Leiter des Instituts für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen und ein Star, ach was, eine Ikone auf diesem Gebiet. Und trotzdem ist er ganz Mensch geblieben. Was man von manchen Managern nicht sagen kann.)

Wenn Manager frisch bei uns im Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen eintreffen oder eingeliefert werden, dann sind sie vor allem eins: Müde! Sehr, sehr müde.

Wir haben uns anfangs natürlich gewundert und uns gefragt, woran das liegt. Lange Zeit haben wir keine Erklärung dafür gefunden. Dann, eines Tages, ganz plötzlich und unverhofft, wie das ja oft so geht, hatten wir die Antwort. Die schlafen zu wenig! Doch, das ist wirklich so. Die Manager sind deshalb so müde, weil sie zu wenig schlafen. Erstaunlich, nicht wahr? Da muss man erst mal drauf kommen.

Sagen wir es doch so, wie es ist: Viele unserer Manager in Deutschland sehen zwar ziemlich verpennt aus, bekommen aber trotzdem zu wenig Schlaf. Sie gehen zu spät ins Bett und stehen zu früh wieder auf. Daher weiß auch niemand so gut wie unsere Manager, was das Wort „Morgengrauen“ bedeutet.

Manche Manager schlafen ja nur vier Stunden pro Nacht. Behaupten sie jedenfalls. Wenn Sie dann um 5 Uhr früh ausgeschlafen sind und sich aus dem Bett schälen, gehen sie erst einmal in ihren zum Fitnessstudio umgebauten Keller und machen sich fit. Eine Woche später kann man im Manager-Magazin dann diese Geschichte voller Bewunderung für den tollen CEO lesen.

Das Ganze geht so in Richtung selbstinszenierte Heldenverehrung. Ist doch wirklich wahr: Schlaflosigkeit im Management wird heute in einer Art glorifiziert, wie wir einst Personen verherrlichten, die übermäßig viel Alkohol vertragen konnten. Das sage nicht ich, sondern der Harvard-Professor Charles Czeisler, der sich eingehend mit diesem Phänomen befasst hat. „Müde Manager handeln wie Betrunkene“, sagt er und fährt fort: „Ansonsten intelligente und wohlerzogene Manager benehmen sich anders, wenn sie übermüdet sind: Sie beschimpfen ihre Mitarbeiter, treffen unkluge Entscheidungen, welche die Zukunft ihres Unternehmens beeinflussen, und halten wirre Vorträge vor ihren Kollegen, den Kunden, der Presse oder den Shareholdern.“

So erklären sich auch manche seltsam anmutenden, weitschweifigen Ausführungen mancher Vorstände auf Bilanzpressekonferenzen oder bei Life-Interviews zur Konzernaffäre in den Abendnachrichten. Eine Studie des Allensbach-Instituts hat ergeben, dass 57 Prozent der Top-Entscheider es schon einmal erlebt haben, dass Manager am Verhandlungstisch Zugeständnisse machten, weil sie kaum noch die Augen offen halten konnten. 57 Prozent! Das ist schlimm.

Auch die betrügerischen Aktivitäten der Manager, über die immer wieder in den Zeitungen zu lesen ist, sind zweifelsfrei auf einen Mangel an Schlaf zurückzuführen. Denn wie heißt es doch so richtig: Wer sündigt, schläft nicht. Oder umgekehrt.

total erschöpft im büro

Viele Manager (und Managerinnen) schlafen zu wenig, auch wenn sie oft ziemlich verpennt aussehen.

Ich hatte mal so ein Exemplar bei mir in der Sprechstunde. Ein geschäftsführenden Gesellschafter eines IT-Unternehmens. Der prahlte damit, dass er zirka 100 Stunden in der Woche arbeite. 100 Stunden! Zur Erinnerung: Die Woche hat 189 Stunden. Wie muss man sich das also vorstellen, das mit den 100 Stunden Arbeit? Lassen Sie uns das spaßeshalber kurz gemeinsam durchrechnen:

Bei einer 5-Tage-Woche würde dieser Mann 20 Stunden pro Tag arbeiten. Dann hätte er täglich noch vier Stunden, um so unwichtige Dinge zu erledigen wie essen, duschen, sich An- und Ausziehen, zur Arbeit bzw. wieder nach Hause fahren und eben zum Schlafen.

Aber klar ist, dass dieser Mann keine 5-Tage-Woche hat. Wenn er 6 Tage pro Woche malocht, dann kommt er auf knapp 17 Stunden pro Tag. Da muss man die Zeit fürs Zähneputzen schon stark verkürzen und das Schlaftempo erhöhen („Power-Napping“).

Wenn er sich nicht einen einzigen Tag Pause gönnt und auch noch am Sonntag schuftet, dann ist er noch immer 14 Stunden pro Tag im Einsatz. Damit wäre er von der Internet-Verfügbarkeit 24/7 (24 Stunden an 7 Tagen) gar nicht mehr so weit weg.

Stellt sich die Frage, wie man so ein Arbeitspensum schafft. Und vor allem: Wie lange? Unser Manager schaffte es immerhin zwei Jahre. Dann war seine Firma pleite.  Tja, wie sagte schon Heinrich Heine: „Alles in der Welt endet durch Zufall und Ermüdung.“

Sicher, mancher Manager träumt davon, endlich mal wieder ausschlafen zu können. Aber diese Träume sind nur von kurzer Dauer, weil ja eine Voraussetzung des Träumens darin besteht, dass man schläft. Und da sieht es ja nun, wie gesagt, schlecht aus.

Genau genommen schlafen Manager  gar nicht. Auch wenn sie die Augen geschlossen haben, schlafen sie nicht. Gott schläft ja auch nicht. Was Manager im Höchstfalle tun, ist ruhen. Sie ruhen sich aus von den unmenschlichen Strapazen, die sie tagtäglich zu erleiden haben.

Für die meisten Manager ist Schlafen nichts anderes als verschwendete Zeit, ein notwendiges Übel, ähnlich wie Zähne putzen. Schlafen ist etwas, was man möglichst schnell hinter sich bringen will, um sich wieder seinen wichtigen Aufgaben widmen zu können.

Aufgrund meiner Praxis als Leiter des Instituts für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen kann ich sagen, dass man das Verhältnis unserer Führungskräfte zum Schlaf durchaus als gestört bezeichnen muss. Im Management ist Schlafen verpönt. Ja klar, wer will schließlich schon irgendeinen Trend, einen Hype oder die nächste Börsen-Hausse verschlafen? Dabei ist das Quatsch. Denn Forschungen haben eindeutig erwiesen: Gute Schläfer machen die besseren Karrieren. Doch, kein Scherz, es stimmt: Man kann sich tatsächlich nach oben schlafen, und man muss sich dabei nicht einmal so furchtbar überwinden. Denken Sie nur an den Schönheitsschlaf. Schöne Menschen machen eher Karriere und verdienen mehr. Immer mehr Manager rennen daher zum Schönheitschirurgen, um sich für viel Geld die Tränensäcke oder die Schlupflider richten zu lassen. Acht Stunden Schlaf hätten es auch getan und wären billiger gewesen. Merke: Wer zu wenig schläft, sieht bald ganz schön alt aus.

Aber es kommt noch besser: Schlafen macht nicht nur schöner, sondern auch noch kreativer. Das wussten Sie vermutlich auch noch nicht. Aber das ist wissenschaftlich erwiesen, also stimmt es. Daher unsere Empfehlung: Statt eines der üblichen Meetings, bei dem sowieso nichts Gescheites rauskommt, einfach mal zusammen pennen.

Fragen Sie die Japaner, die wissen das. Oder besser: Die wussten das. Denn früher war es guter Brauch bei Nippons Söhnen, während eines Meetings einzuschlafen. Das war sozusagen ein Gebot der Höflichkeit. Doch das hat sich geändert. Heute schlafen immer weniger Japaner während eines Meetings ein. Die Folgen sind eine Katastrophe. Denn seitdem geht es mit der japanischen Wirtschaft und der Bedeutung Japans im globalen Wettbewerbs immer weiter bergab. Das ist so, und es wird auch nicht dadurch besser, dass man davor die Schlitzaugen verschließt.

Aber unsere Manager hier im Westen denken anders. Die denken: Schlafen, das ist etwas für Kinder und alte Leute. Ja, da haben sie natürlich Recht. Für die ist Schlafen natürlich auch wichtig. Obwohl: Die haben ja auch irgendwie ein komisches Verhältnis zum Schlafen. Ist Ihnen das schon mal aufgefallen? Irgendwie hat die gesamte Gesellschaft ein komisches Verhältnis zum Schlafen. Ein Beispiel: Viele Menschen sagen und freuen sich: „Toll, morgen kann ich lange ausschlafen.“ Kennen Sie vielleicht auch. „Ach, herrlich, morgen ist Wochenende, da kann ich ganz lange schlafen.“ Aber jetzt frage ich Sie: Wann haben Sie denn das letzte Mal gesagt: „Toll, heute kann ich mal ganz früh ins Bett gehen!“? Na? Sehen Sie!

Die Sache ist allerdings auch verzwickt. Wenn es so einfach wäre: Sich hinlegen, die Augen schließen und dann ins Land der Träume entgleiten. Aber das ist Theorie. Ja, DUMM müsste man sein! Ganz im Ernst. Die Wissenschaft hat nämlich festgestellt, dass dumme Männer besser schlafen als kluge. „Dumm schläft gut“, den Spruch kennen Sie vielleicht, wenn auch in einem anderen Zusammenhang. Bei Frauen ist es übrigens umgekehrt. Bei ihnen wirkt sich Dummheit eher negativ aufs Schlafvermögen aus. Fragen Sie mich nicht warum. Das hat die Wissenschaft noch nicht herausgefunden.

Apropos, mein Damen und Herren, wenn wir schon dabei sind. Wer von Ihnen teilt sich das Bett mit jemandem anders? Also mit Mann, Frau, Kind, Hund und Katze? Eine wichtige Frage, wenn es um die Schlafqualität geht. Schlafforscher haben nämlich in einer breit angelegten Untersuchung herausgefunden, dass 61 Prozent der Männer und sogar 74 Prozent der Frauen dann am besten schlafen, wenn sie allein im Bett liegen.

Woran das liegt? Nun, wie man weiß, wird der Mensch an sich bis zu 28 Mal pro Nacht wach. Meistens nur ganz kurz, und am nächsten Morgen erinnern wir uns auch nicht mehr daran. Das hat so einen evolutionsbedingten Hintergrund; wir checken jedes Mal ganz kurz, ob noch alles okay ist oder ob vielleicht ein wildes Tier vor uns steht und uns gerade verschlingen will. So, und das ist der Knusus Knasus und auch die Erklärung dafür, warum wir besser schlafen, wenn wir alleine im Bett liegen.

Denn viele Menschen, die nachts wach werden und neben sich ihren Partner liegen sehen und ihm ins Gesicht sehen, bekommen so einen großen Schrecken,  dass sie vor lauter Panik nicht mehr einschlafen können. Anschließend werden sie dann von Alpträumen geplagt. Manche leiden dann auch spontan unter schlimmen Depressionen, weil ihnen ihre eigene verzweifelte Lage bewusst geworden ist.

Dass der Anteil der Frauen höher ist, verwundert übrigens nicht. Denn wenn sie nachts nach rechts oder links blicken, dann sehen sie dort in der Regel – einen Mann. Leicht schnarchend, der Sabber tröpfelt ihm aus dem Mund, die Nasenhaare glitzern im Mondlicht, das sich durch die Ritzen der Rolläden ins Zimmer geschlichen hat.

Bin ich vom Thema ebgekommen? Ich glaube nicht. Aber gut, ich muss zum Schluss kommen. Nicht dass Sie mir noch unterm Lesen einschlafen.

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass was das Schlafen unserer Manager betrifft, sehr Vieles im Argen liegt. Änderung tut not. Doch trotz alledem müssen wir die Realitäten anerkennen. Solange der Schlaf in Managerkreisen einen derart schlechten Ruf hat, gibt es wohl nur einen Ort, an dem unsere viel beschäftigten Wirtschaftskapitäne sich so richtig gehen lassen und ohne schlechtes Gewissen schlafen dürfen: Im Flugzeug! Hier können sie sich fallen lassen, ohne als Penner zu gelten. Daher lautet unsere Forderung: Manager müssen mehr fliegen (auch Langstrecke).

(Autor: Damian Sicking)

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