Warum ein 100-Meter-Sprinter ein genau so guter Manager sein kann wie ein Marathonläufer

Die Kolumne von Damian Sicking

Sind Marathonläufer die besseren und erfolgreicheren Manager? Man kann diesen Eindruck gewinnen. Denn viele Manager laufen Marathon und lassen sich in den Wirtschaftsmagazinen in kurzer Hose und mit Startnummer vor der Brust abbilden – am liebsten bei einem der prestigeträchtigen Rennen in Berlin,  Boston, London oder beim Hochamt des Marathonlaufs, in New York.

Marathonlaufen ist in den Teppichetagen unserer Unternehmen zu einem Statussysmbol geworden. Die Führungskräfte wollen mit ihrem Tun etwas zum Ausdruck bringen: Ausdauer, Durchhaltewillen, Disziplin und solche Sachen. Und die Semantik des Erfolgs dreht sich weiter. Immer wieder hört man in den Pressekonferenzen den Vorstandsvorsitzenden sagen: „Was wir vorhaben, ist kein Sprint, sondern ein Marathonlauf.“ Damit wird dem Publikum mitgeteilt, dass es lieber nicht mit schnellen Erfolgen rechnen soll.

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„Qualität kommt von Qual“ – das gilt für den Sprinter genauso wie für den Marathonläufer.

Nochmal die Frage: Sind Marathonläufer die besseren und erfolgreicheren Manager? Natürlich nicht! Marathonlaufen  ist genauso wenig eine gute Voraussetzung für einen Manager wie Manager sein eine gute Voraussetzung für einen Marathonläufer ist. Trotzdem ist eines richtig: Es geht um Ziele und es geht ums Durchhalten. Bei so einem Marathonlauf gibt es natürlich Krisen, und die muss man überwinden, wenn man sein Ziel erreichen will – ob es das bloße Finishen oder ob es eine Zeit von unter drei Stunden ist.

Aber: Das Ziele setzen und das Durchhalten gilt genauso für den 100-Meter-Sprinter. Natürlich nicht für den Lauf selbst – 100 Meter schafft man in der Regel ohne Probleme. Aber es geht ja um mehr: nämlich um das Ziel, die 100 Meter in einer bestimmten Zeit zu schaffen. Die 11- oder 10-Sekunden-Marke zu knacken, die Olympianorm zu schaffen oder sogar einen neuen Rekord aufzustellen. Und dafür muss man trainieren und sich quälen – tagein, tagaus. Hartnäckig, immer wieder. Was hier zählt genauso wie beim Marathon und Marathontraining sind Ausdauer, Durchhaltewillen, Disziplin etc. (s.o.).

Das gilt genauso für andere sportliche Disziplinen. Kugelstoßen zum Beispiel. Und das Training eines Kugelstoßers, das kann ich aus eigener Erfahrung sagen, ist zu weiten Teilen eine echte Zumutung. Es gibt wohl kaum ein Training, das so dröge ist wie das eines Kugelstoßers. Während der Marathonläufer im Training durch wunderschöne und abwechslungsreiche Landschaften joggen kann, steht der Kugelstoßer oder die Kugelstoßerin  in immer dem gleichen Ring und stößt die Kugel in immer dieselbe Richtung. Oftmals sogar auf einem Nebenplatz, weit weg von den hübschen 400-Meter-Läuferinnen oder den knackigen Stabhochspringern. Da sind Durchhalten und Motivation eine echte Herausforderung.

Man muss aber noch tiefer ansetzen. Die ganze Symbolik von Sport und Managertum hat schon im Ansatz einen Haken: Der Leistungssportler verfolgt immer die eigenen, selbstgesteckten Ziele. Es geht darum, was der Sportler FÜR SICH erreichen will. Es geht um EIGENE ZIELE und um, wenn man so will, Selbstverwirklichung. Die Realität in den Unternehmen aber ist eine fundamental andere. Hier geht es darum, was der Manager FÜR DAS UNTERNEHMEN erreichen kann. In den Firmen und Betrieben zählen nicht die eigenen Ziele. Hier geht es um die Ziele eines anderen, also um FREMDE ZIELE. In der Regel sind dies Ziele, die man von seinem Vorgesetzten bekommt. Das ist etwas völlig anderes als das Streben nach den eigenen Zielen.  Das ist die Welt des Management: Wie stehe ich zu den Zielen, die nicht die meinen sind, die zu verfolgen und die zu erreichen aber mein Job ist und das, wofür ich bezahlt werde? Hänge ich mich dafür genauso rein wie wenn es meine eigenen Ziele wären oder bin ich – da es sich eben nicht um meine eigenen Ziele handelt – etwas weniger engagiert?

Dennoch kann man sagen, dass Leistungssportler bzw. ehemalige Leistungssportler unabhängig von der Sportart etwas Wesentliches mitbringen, was sie für Firmen interessant und wertvoll macht. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind dies:

  • Sie können sich quälen und sind auch dazu bereit („Qualität kommt von Qual“).
  • Sie wissen, dass die Götter vor den Sieg den Schweiß gesetzt haben (ohne Anstrengung, Disziplin und persönliche  Opfer, auch Verzicht, kein Erfolg)
  • Sie wissen, dass man auf dem Weg zum Erfolg Durststrecken und Rückschläge erlebt und überwinden muss.
  • Sie wissen, dass es dauern kann, bis der Erfolg kommt.
  • Sie wissen, dass nach dem Erfolg die Quälerei weitergeht, wenn sie weitere Erfolge erzielen und erleben wollen.

Ob die (Nachwuchs-) Manager in ihrer aktiven Zeit Marathon gelaufen sind, die Kugel gestoßen haben oder möglichst schnell die 100 Meter gerannt sind, ist vollkommen egal.

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