Über Mut und Übermut

Wie Sie vielleicht schon wissen, liegt auf unserem Gäste-WC zur Unterhaltung und Inspiration das Buch „Verdammt gute Tipps (für Leute mit Talent)“ des amerikanischen Werbetycoons  George Lois. Das Buch enthält 120 Tipps und Anregungen, die dem Leser zu mehr Erfolg verhelfen sollen (vor allem außerhalb des WCs). Ich hatte in meinem Beitrag „Ein Vorgesetzter führt mit dem Hintern“ schon ein paar Bemerkungen zu dem Buch gemacht. Jetzt bin ich damit durch, und wenn Sie Interesse daran haben, senden Sie mir eine Mail. Ich schicke es Ihnen dann zu.

Eintrag Nummer 119 finde ich noch einmal erwähnenswert. Lois überschreibt diesen kurzen Text mit einem Zitat des britischen Schriftstellers Sidney Smith (1771 – 1845): „Viel Talent geht der Welt verloren, weil ein bisschen Mut fehlt.“ Dann schreibt Lois selbst: „Eine talentierte, aber bescheidene kreative Persönlichkeit wird nie in die Ruhmeshallen der Großen kommen, weil Schüchternheit zu Mittelmäßigkeit führt.“

Todesmutig auf der Piste, schüchtern und bescheiden im Ziel.

Todesmutig auf der Piste, bescheiden im Ziel.

Eine starke Behauptung, wenn Sie mich fragen. Vor wenigen Tagen hatten wir hier einen Beitrag veröffentlicht mit der Überschrift „Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommst du ohne ihr“. Darin wurde auf eine Studie verwiesen, der zufolge in den Unternehmen eher diejenigen Menschen befördert werden und Karriere machen, die sich in den Vordergrund schieben und mit ihren Leistungen prahlen, während die stillen und zurückhaltenden Kollegen von den Vorgesetzten gerne übersehen werden, obwohl sie vielleicht sogar die besseren Arbeitsergebnisse liefern. Man kann diese Bevorzugung der „Pfauen“ in den Firmen aus Sicht der „Mauerblümchen“ ungerecht finden, sogar auch unklug, man muss es aber nicht.

George Lois tut es nicht. Für ihn sind Bescheidenheit und Schüchternheit ein Malus. Bescheidenheit ist in seinen Augen keine Zier, sondern eine Schwäche. Daher gibt es für ihn auch keine „falsche Bescheidenheit“, denn dies würde implizieren, dass es auch eine „richtige Bescheidenheit“ gebe. Im Grunde sind Bescheidenheit und Schüchternheit für ihn nichts anderes als ein Mangel an Mut. Also sind Bescheidenheit und Schüchternheit nur andere Wörter für Feigheit. Nur der Mutige, so sein Credo, schafft Außerordentliches. Weil er keine Angst davor hat, zu provozieren, mit unkonventionellen Ideen anzuecken, andere vor den Kopf zu stoßen, sich unbeliebt zu machen. Und – vielleicht auch das – zu scheitern. Lois fordert, den Mut zu haben, „nur hervorragende Arbeit zu schaffen, durch dick und dünn zu gehen, und sie, koste es was es wolle, zu verteidigen“.

Sie sehen, Lois ist kein Freund der Bescheidenheit, die ja weitläufig als Tugend gilt. (Man wird Lois selbst auch wohl schwerlich als bescheidenen Menschen bezeichnen können, jedenfalls nach der Lektüre dieses Buches, in dem er sich fast auf jeder Seite als den großen Zampano der Werbewirtschaft feiert). An anderer Stelle des Buches (Tipp Nummer 103) fordert er seine Leser dazu auf, zwar niemals arrogant („Arrogante Leute sind Großmäuler“), aber immer selbstbewusst zu sein („Selbstbewusste sind Leute, die ihrer Sache sicher sind“). Auch hier geht es wieder um Mut: „Hast du nicht den Mut, etwas zu versprechen, wirst du niemals erstklassig sein“, schreibt Lois.

Man kann diese Äußerungen des amerikanischen Werbemanns abgehoben finden oder auch elitär. Aber ist nicht trotzdem etwas daran? Fehlt es nicht immer wieder an Mut, sei es die eigene Meinung zu vertreten, etwas ganz anders zu machen als so, wie „wir es immer schon gemacht haben“, dem Mitarbeiter ehrliches Feedback zu geben, dem Vorgesetzten einen Fehler einzugestehen oder auch seine Leistungen dem Kunden gegenüber ohne Preiszugeständnisse zu verkaufen? Mut ist sicherlich nicht nur etwas, was man in den kreativen, sondern in nahezu allen Berufen braucht, und zwar unabhängig von der Hierarchieebene.

Aber schließen sich „mutig sein“ und „bescheiden sein“ wirklich aus, wie George Lois suggeriert? Sicher nicht, wenn Sie mich fragen. Schauen wir uns doch einfach mal um: Es sind oftmals die großen, erfolgreichen Menschen in der Wirtschaft, in der Kunst, in der Politik, im Sport, Menschen, die Außerordentliches geschaffen haben, die durch ihren uneitlen, bescheidenen Aufritt auffallen. Auch Schüchternheit ist kein Gegensatz zu Mut. Ein Skifahrer, der sich beim berühmten Hahnenkammrennen in Kitzbühel ins Tal stürzt, braucht Mut (mancher sagt sogar, die Skifahrer müssten „todesmutig“ sein), kann aber, sobald er im Ziel ist, der bescheidenste und schüchternste Mensch der Welt sein. Gleiches gilt für Künstler, Schauspieler, aber natürlich auch für Unternehmer! Eine Firma zu gründen mitsamt dem Risiko zu scheitern und womöglich alles zu verlieren, das erfordert Mut – und schließt Bescheidenheit und Schüchternheit überhaupt nicht aus.

Nicht Bescheidenheit und Schüchternheit sind die Gegensätze zu Mut, sondern Ängstlichkeit und – ja! – Übermut (Selbstüberschätzung, Größenwahnsinn). Die Grenzen sind mitunter fließend.

(Autor: Damian Sicking)

Kategorien: Allgemein, Kolumne

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