Schwimmen lernt man nicht im Wasser!

Warum „lerning by doing“ Spitzenleistungen verhindert

Ich bin ein ganz passabler Schwimmer. Als Kind und Jugendlicher habe ich diesen Sport wettkampfmäßig betrieben, später habe ich an der Deutschen Sporthochschule in Köln mein Vordiplom im Fach Schwimmen gemacht, und immerhin schaffe ich es heute noch, die 3,8 km beim Ironman-Triathlon in einer guten Stunde hinter mich zu bringen. Was ich damit sagen will: Ich kenne mich mit Schwimmen ganz gut aus. Nur für den Fall, dass Sie sich fragen, was mich dazu qualifiziert, irgendwelche Aussagen zu diesem Thema zu machen.

"Learning by doing" ist weder beim Schwimmen noch im Unternehmen der Weg zum Erfolg.

„Learning by doing“ ist weder beim Schwimmen noch im Unternehmen der Weg zum Erfolg.

Ich bin sicher, die meisten von Ihnen können ebenfalls schwimmen. Zumindest schaffen Sie es, sich eine Zeitlang über Wasser halten. Dann werden Sie mir sicher auch die Frage beantworten können, wo man am besten Schwimmen lernt.  Viele werden antworten: Im Wasser natürlich, wo denn sonst? Die Antwort klingt plausibel. Sie ist aber trotzdem falsch.

Ich behaupte: Schwimmen lernt man nicht im Wasser. Was Sie im Wasser lernen, ist lediglich, sich über Wasser zu halten. Nicht unterzugehen. Nicht abzusaufen. Aber Schwimmen lernen Sie im Wasser nicht. Zumindest lernen Sie im Wasser nicht, ein guter, ein schneller, ein überdurchschnittlicher, ein Top-Schwimmer zu werden.

Wo also lernt man Schwimmen? Ganz einfach: Schwimmen lernt man an Land. Oder anders formuliert: Schwimmen lernt man vor allem im Kopf. Nämlich indem Sie die richtige Technik erlernen. Die Technik („Know-how“) ist der Schlüssel zur Spitzenleistung. Ohne die richtige Technik bleiben Sie immer Durchschnitt, vielleicht guter Durchschnitt, aber immer noch Durchschnitt. Wenn Ihnen das reicht, bitteschön.

Ohne eine gute Technik bleiben Sie noch etwas anderes: Sie bleiben unter Ihren Möglichkeiten. Ohne eine gute Technik werden Sie nie ein Top-Schwimmer. Denn eine fehlende oder, was dasselbe ist, eine schlechte Technik läßt sich durch nichts ersetzen. Da können Sie noch so viel Krafttraining machen. Ab einem gewissen Leistungsniveau lassen sich Defizite in der Technik mit Muskelkraft nicht mehr kompensieren. Natürlich brauchen Sie auch Kraft, das ist keine Frage, Sie brauchen auch Schnelligkeit, Sie brauchen Ausdauer und Beweglichkeit. Aber das Wichtigste ist die Technik.

Ich habe viele Schwimmer gesehen, die deutlich bessere Leistungen und Wettkampfergebnisse hätten erzielen können, wenn sie die richtige Technik gehabt hätten. Doch weil sie Schwimmen nur im Wasser gelernt hatte, blieben sie deutlich unter ihren Möglichkeiten. Und: Wer nach der „Learning-by-doing-Methode“ Schwimmen lernt, der eignet sich vor allem eine miserable Technik an, die sich später nur noch ganz schwer korrigieren läßt.

Natürlich muss man als Schwimmer ins Wasser, das ist klar. Sie müssen die Technik schließlich „am Objekt“ einstudieren, üben, trainieren, perfektionieren. Immer und immer wieder. Wichtig ist dabei, dass Sie jemanden haben, der Ihnen die richtige und gute Technik beibringt, Sie anschließend bei der Umsetzung des Gelernten im Wasser beobachtet und Sie darauf hinweist, welche Fehler Sie machen und was Sie besser machen sollten. So jemanden nennt man üblicherweise einen Trainer oder Coach. Es gibt keinen Weltklasseschwimmer „aus Zufall“ oder nur aufgrund seines Talents. Es gibt auch keinen Weltklasseschwimmer

 Parallelen zwischen „Könnern“ in den Unternehmern und „Könnern“ im Wasser

Warum schreibe ich das alles? Ich schreibe das, weil es in unseren Firmen und Betrieben nur allzu oft genauso läuft. Weil es hier noch immer viel zu viele Menschen gibt, die nach dem „Schwimmen-lernt-man-im-Wasser-Prinzip“ verfahren. Es heißt hier nur anders, nämlich „Lerning-by-doing“. Da werden die jungen Menschen ins sprichwörtliche „kalte Wasser“ geworfen und wer oben bleibt, kriegt einen Bonus.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: den Verkäufer oder Vertriebsmitarbeiter. Wo lernt man am besten Verkaufen? Beim Kunden? Ich glaube nicht. Wird man durch das Ausbildungsprinzip „Learning by doing“ wirklich ein Top-Verkäufer? Ich habe meine Zweifel. Nein, wer ein richtig guter Verkäufer werden will, der lernt Verkaufen nicht „im Wasser“, sondern „an Land“. Es ist tatsächlich so: Ein guter Verkäufer oder sogar ein Weltklasse-Verkäufer wird man nicht durch Zufall oder nur aufgrund seines Talents, sondern im Prinzip genauso, wie man ein Weltklasse-Schwimmer wird: durch üben, üben und üben oder trainieren, trainieren und trainieren.

In der betrieblichen Wirklichkeit sieht es dagegen überspitzt formuliert häufig so aus, dass man seinem neuen Hoffnungsträger in der Vertriebsabteilung 50 Adressen in die Hand drückt – vorzugsweise solche, an denen sich die gesamte Vertriebsabteilung bereits erfolglos die Zähne ausgebissen hat – und ihm dann mit einem aufmunterndem „Viel Glück“ sein Telefon zeigt. Das Ergebnis ist dann oft, dass die jungen Mitarbeiter nach ein paar Wochen komplett frustriert sind oder sich gleich etwas anderes suchen.

Daher mein Appell an die Betriebe: Überlasst eure jungen Vertriebsleute und sonstigen Hoffnungsträgern nicht sich selbst, werft sie nicht einfach ins Wasser, sondern kümmert euch um sie, stellt ihnen einen Top-Mann oder eine Top-Frau zur Seite (Coach), von dem bzw. von der sie sich viel abschauen können, schickt sie auf (Vertriebs-) Trainings von guten Anbietern und setzt selbst ein Traineeprogramm auf. Das gilt natürlich nicht nur für den Bereich Vertrieb, sondern für andere Abteilungen genauso. Meine Schwimm-Analogie gilt ja auch nicht nur für Kraulschwimmer.

Übrigens, noch eine kurze Bemerkung zum Abschluss: Kein Leistungsschwimmer, der es an die Spitze der Weltbesten geschafft hat, hört dann auf zu trainieren und an der Verbesserung seiner Technik zu arbeiten. Es sei denn, er beendet seine Karriere. Wer aber weiter erfolgreich am Wettkampfgeschehen teilnehmen will, der trainiert weiter, hart und konsequent. Auch hier liegt die Parallele zu dem, was wir in den Unternehmen tun, auf der Hand. Wer von uns aufhört, an sich zu arbeiten und sich zu verbessern, der verliert. Und geht womöglich eines Tages unter.

(Autor: Damian Sicking)

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