Klar ist der Chef wichtig, aber wie wichtig genau?

Wer ist die wichtigste Person in einem Unternehmen? Der Chef, ganz klar. Höre ich Widerspruch? Nein. Gut so. Die Frage ist ja auch recht banal und daher einfach zu beantworten. Also der Chef, und zwar der ganz oben. Es ergeben sich allerdings sogleich zwei weitere Fragen, und die sind beide schon nicht mehr so ganz trivial. Diese Fragen lauten:

  1. Wenn der Chef die wichtigste Person in einer Firma ist, wie wichtig ist er genau?
  2. Wenn der Chef die wichtigste Person in einer Firma ist, wer ist dann die zweitwichtigste?

In diesem kleinen Text möchte ich mich der ersten Frage widmen, Frage 2 wird später behandelt. Also los geht´s: Wenn der Chef die wichtigste Person in einer Firma ist, wie wichtig ist er genau?

Die Antwort lautet: 4 Prozent! Das behaupten jedenfalls die amerikanischen Wissenschaftlerinnen Marianne Bertrand und Antoinette Schoar. Die beiden Forscherinnen hatten herausfinden wollen, in wie weit die Unternehmensperformance, also die Unternehmensleistung, vom persönlichen Führungsstil des Chefs abhängt. Wobei sie unter „Führungsstil“ nicht den Umgang der Chefs mit ihren Mitarbeitern, sondern die Entscheidungen der Firmenchefs verstanden und wie diese sich auf die Unternehmensleistung ausgewirkt haben. Die Antwort von Bertrand und Schoar auf diese Frage, sind eben die bereits zitierten 4 Prozent! 4 Prozent der Leistung eines Unternehmens hängt vom Vorsitzenden ab.Nur vier Prozent! Hätten Sie das gedacht?

(Anmerkung 1: Man kann nur hoffen, dass DGB-Chef Reiner Hoffmann und sein Verdi-Kollege Frank Bsirske davon Wind bekommen, die nölen dann am Sonntag Abend bei Günther Jauch oder am Donnerstag bei Maybritt Illner sofort wieder rum. „Wie kann es sein“, fragen die dann, „dass die Bosse ein 20-fach höheres Gehalt als der Durchschnittsmitarbeiter bekommen, wenn ihr Anteil am Unternehmenserfolg magere 4 Prozent beträgt?! Ich frage Sie: Wie kann das sein??!“ Solche Fragen stellen Menschen wie Hoffmann und Bsirske doch! Vielleicht ja nicht ganz zu Unrecht.)

(Anmerkung 2: Übrigens wenn Sie mich fragen: In manchen Firmen liegt der Anteil des Chefs am Firmenerfolg statt bei 4 Prozent eher bei minus 4 Prozent. Der Laden läuft einfach besser, wenn der Chef nicht da ist, je länger, desto besser.)

(Anmerkung 3: Das Forschungsergebnis unserer amerikanischen Wissenschaftlerinnen ist natürlich von großem praktischem Nutzen für den betrieblichen Alltag. Es ist sehr gut geeignet, Mitarbeiter, die einen Höhenflug haben, sich für unersetzbar halten und der Ansicht sind, ohne sie würde der Laden einfach nicht laufen, wieder herunterzuholen und zu erden. Wenn Sie so einen Kandidaten in der Firma haben, laden Sie ihn zu einem Gespräch in Ihr Büro ein und fragen Sie ihn: „Wer ist wohl der wichtigste Mensch in unserer Firma?“ Darauf der Mitarbreiter: „Äh, Sie, nehme ich an?“ Jetzt wieder Sie: „Richtig.“ Nun bringen Sie die Studie ins Spiel, und geben Ihrem Mitarbeiter folgende Denkaufgabe mit auf den Weg: „Wenn der wichtigste Mensch in einer Firma der Chef ist, und der wichtigste Mensch lediglich 4 Prozent Anteil am Unternehmenserfolg hat, wie gering wird dann wohl Ihr Anteil sein, guter Mann?“)

Wenn Sie noch Zeit haben, möchte ich Ihnen gerne noch eine weitere Forschungsarbeit vorstellen, die ebenfalls gut zum Thema passt. Auch diese liegt – wie die von Bertrand und Schoar – schon ein bisschen zurück, ist aber in den letzten Jahren nicht schlechter geworden. Diesmal stammt der Wissenschaftler aus Norwegen und trägt den Namen Hans K. Hvide. Hvide interessierte sich für die Frage, was wirklich darüber entscheidet, ob ein Unternehmen erfolgreich ist oder nicht – der Chef oder die Geschäftsidee bzw. die Strategie. Was hat er nun gemacht, um eine Antwort auf diese Frage zu bekommen?

Hvide untersuchte Start-up-Unternehmen, in denen der Gründer unerwartet gestorben ist. Seine Hypothese lautete: Wenn der Erfolg der Firma wesentlich von der Person des Gründers abhängt, dann müssen die Geschäfte nach dessen Tod spürbar schlechter laufen. Nun mögen Sie denken: Das kommt nicht oft vor, so viele Firmen gibt es nicht, in denen der Gründer stirbt. Irrtum. In 181 der von Hvide untersuchten Firmen starb der Unternehmer in den ersten Jahren der Selbstständigkeit, da waren die Firmen im Schnitt gut drei Jahre alt. Und jetzt wird’s interessant: Die meisten dieser Firmen haben das Ableben ihres Gründers mehr oder weniger unbeschadet überstanden. In ihrer Entwicklung zeigten die Unternehmen kaum Unterschiede zu Firmen, in denen der Gründer nicht gestorben ist.

Daher lautet das Fazit unseres norwegischen Wirtschaftswissenschaftlers: Junge Firmen scheinen weit weniger von ihrem Gründer abhängig zu sein, als man gemeinhin erwarten würde. Die entscheidende Phase, in der es auf die Unternehmerpersönlichkeit ankomme, liegt daher nach Angaben von Hvide bereits vor der Firmengründung und der Aufnahme der Geschäftstätigkeit, nämlich bei der Entwicklung der unternehmerischen Vision. Läuft der Laden erst einmal, sei der Mann oder die Frau an der Spitze von geringerer Bedeutung.

So. Und wie gering die Bedeutung des Chefs oder der Chefin ist, wissen wir ja nun auch: 4 Prozent. Was bestätigt das einmal wieder? Wir sind lange nicht so wichtig, wie wir uns – vielleicht – vorkommen. Also immer schön auf dem Boden bleiben!

(Autor: Damian Sicking)

Kategorien: Allgemein, Kolumne

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