Karriere, Sex und Management

Flirting in an office

Experte fordert mehr Systematik im Sexleben unserer Führungskräfte – Professionalisierung des Liebeslebens dringend geboten – Gesundheitsaspekt zu wenig beachtet – „Wir essen ja auch Grünkohl, einfach weil er gesund ist“ – Regelmäßige sexuelle Betätigung als wesentlicher Bestandteil des Arbeitsvertrages – Steuerliche Abzugsfähigkeit für Aufwendungen im Zusammenhang mit dem Liebesleben.

Von Prof. Dr. Hans-Dieter Bosse*

Ob Sie es glauben oder nicht: Manager interessieren sich für Sex, auch wenn man dies beim Anblick mancher Vorstandsvorsitzender nicht vermuten sollte. Wann immer wir bei uns am Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen einen neuen Patienten aufnehmen, fragen wir ihn zunächst, wann er zuletzt mit jemandem geschlafen habe. Mann oder Frau, ganz egal? Dann guckt der eine in seinen Kalender, der andere auf seine Armbanduhr. Letztens hatte ich einen Manager bei mir in der Sprechstunde, der musste erst mal nach Hause fahren und in einem dicken Wälzer nachschlagen. Das Buch hieß „Chronik des 20. Jahrhunderts“.

Die Sache ist ja so: Sich für Sex interessieren und selber Sex haben – das sind mitunter völlig verschiedene Dinge. Dass man sich für etwas interessiert, heißt ja schließlich noch lange nicht, dass man es auch selbst tun muss. Nehmen Sie zum Beispiel Fußball. Da sitzen jeden Samstag mehrere hunderttausend Menschen in den deutschen Fußballstadien und noch ein paar Millionen vor den Fernsehern und sehen ein paar Leuten dabei zu, wie sie es treiben. Also wie sie Sport treiben. Also Fußball spielen. Was lernen wir daraus: Viele Männer sehen gerne beim Fußball  zu, auch wenn sie selbst nicht (mehr) aktiv sind. Und beim Sex ist es genauso.

Um das Thema Sex und seinen Einfluss auf die Leistungs- und Schaffenskraft – neudeutsch „Performance“ – von Managern und ganzen Unternehmen hat die Wissenschaft lange Zeit einen großen Bogen gemacht. Aus heutiger Sicht völlig unverständlich.

Inzwischen haben einige fortschrittliche Wissenschaftler das Thema Sex und Wirtschaft entdeckt und entsprechende Forschungsprojekte initiiert. Das ist prinzipiell zu begrüßen. Aber es wird in der Sache viel zu viel Kokolores publiziert. Auch von den Medien. Journalisten sind ja bekanntlich Menschen, die versuchen, anderen etwas zu erklären, was sie selbst nicht so ganz verstanden haben. Genauso ein Journalist hat vor einiger Zeit in einem renommierten Wirtschaftsmagazin einen immerhin sechsseitigen Beitrag zu den Wechselwirkungen von beruflichem Erfolg und Sex veröffentlicht.

Unser Liebesleben, so erfährt man dort, „beeinflusst enorm berufliche Erfolge – und die wiederum das Sexleben“. So weit, so gut. Doch der Rest des Aufsatzes ist hanebüchen. Der Autor kommt zu folgenden Erkenntnissen:

  • Guter Sex kann die Arbeitsleistung und die Karriere verbessern (man fühlt sich einfach gut), muss aber nicht.
  • Guter Sex kann die Arbeitsleistung und Karriere verschlechtern (man denkt an nichts anderes mehr), muss aber nicht.
  • Karriere und Erfolg im Beruf können den Sex verbessern (Erfolg macht sexy), muss aber nicht.
  • Karriere und Erfolg im Beruf können den Sex verschlechtern (man ist total ausgepowert), muss aber nicht.

Alles klar soweit? Oder eher doch nicht so ganz? Soll man nun, und je öfter, desto besser, oder lieber doch nicht? Und wenn ja, mit wem? Man sieht: Wir stehen noch am Anfang.

Einen Aspekt zur Beziehung zwischen Sex und Karriere hat dieser erwähnte Aufsatz in dem renommierten Wirtschaftsblatt nicht einmal ansatzweise berücksichtigt: Den Karrierefaktor „nach oben schlafen“. Aus Platzgründen auch von meiner Seite an dieser Stelle dazu nur einige Sätze. Laut einer mehr oder weniger aktuellen Forsa-Umfrage unter 500 Beschäftigten in Deutschland wäre nur ein Prozent der Frauen bereit, mit ihrem Chef ins Bett zu gehen, wenn es der Karriere förderlich ist. Bei den Männern sind es immerhin vier Prozent, die mit ihrer Chefin schlafen würden, um beruflich vorwärts zu kommen.

Mit anderen Worten: Vier mal so viele Männer wie Frauen sind bereit, für ihre Karriere Opfer zu bringen. Wohl einer der Gründe, warum mehr Männer Karriere machen als Frauen, wenn Sie mich fragen. Nebenbei bemerkt: Wirklich interessant wäre die Studie ja erst gewesen, wenn man folgende Frage gestellt hätte: Würden Sie mit Ihrem Chef / Ihrer Chefin ins Bett gehen, auch wenn er oder sie vom gleichen Geschlecht wäre wie Sie?

Erst dann, wenn man die Frage in dieser Radikalität stellt, würde sich zeigen, wer wirklich das Potenzial zum Vorstandsmitglied hat, wobei „Mitglied“ hier Menschen beiderlei Geschlechts umfasst. Aber das nur nebenbei.

Nicht unterschlagen möchte ich Ihnen an dieser Stelle eine Studie der Anglia Ruskin University in Cambridge. Die Wissenschaftler wollten wissen, wie sich die Häufigkeit des Beischlafs auf die Gehaltsentwicklung auswirkt und haben dazu 7.500 Haushalte befragt. Dabei kam heraus, dass Menschen, die mehr als viermal in der Woche Sex haben, im Schnitt ein um fünf Prozent höheres Gehalt beziehen als solche, die ihre monatlichen Schäferstündchen an den Fingern einer Hand abzählen können. Schlussfolgerung der Wissenschaftler: Sex macht glücklich und erhöht damit die Leistungsfähigkeit im Job. Interessant, nicht wahr? Also all jene, die unzufrieden sind mit dem, was am Ende des Monats auf ihr Konto überwiesen wird, wissen jetzt, was sie zu tun haben.

Gut, es mag Einige unter Ihnen geben, die sagen: „Was, vier Mal in der Woche Sex, und das für schlappe fünf Prozent mehr?! Nee, das ist die Anstrengung nicht wert.“ Gut, auch okay, wir zwingen niemanden zu seinem Glück.

Was viele Menschen beim Thema Sex total vernachlässigen, ist der Gesundheitsaspekt. Wann haben Sie denn das letzte Mal Sex gehabt, einfach nur aus dem Grund, weil es gesund ist? Noch nie? Eine absurde Frage, meinen Sie? Keine Spur! Im Gegenteil! Hand aufs Herz: Sie essen doch auch mal Spinat, nicht etwa weil er Ihnen so gut schmeckt, sondern ausschließlich aus dem Grund, weil er gesund ist. Oder Grünkohl. Na, sehen Sie? Warum also nicht auch mal Sex haben, einfach weil er gesund ist?

Und Sex ist gesund.

Das fängt schon beim Küssen an. Also sozusagen dem Sex im Vorabendprogramm. Küssen ist gesund. So werden bei jedem Kuss Adrenalin und Glückshormone ausgeschüttet, also wichtige Energielieferanten. Dazu Neuropeptide, was gut zur Stärkung der Immunabwehr ist (weniger Krankheitsausfälle!). US-Forscher haben sogar herausgefunden, dass Männer oder Frauen, die sich morgens mit einem leidenschaftlichen Kuss von ihrem Partner verabschieden, weniger Verkehrsunfälle haben als diejenigen, die ungeküsst ins Auto steigen. Warum? Weil sie stressresistenter und weniger aggressiv sind.

Die Wissenschaft hat in Bezug auf den Gesundheitsaspekt des Sexualverhaltens noch viel mehr herausgefunden. Hier nur mal ein paar Forschungsergebnisse:

Erstens: Regelmäßiger Sex verdoppelt die Lebenserwartung. Das hat die Universität Duisburg Essen herausgefunden. Danach haben sexuell aktive Individuen eine doppelt so hohe Lebenserwartung wie abstinente Artgenossen.

Das wirft nebenbei gesagt natürlich die Frage auf, warum hohe Würdenträger der Kirche oftmals ein biblisches Alter erreichen.

Zweitens: Häufige Ejakulation, also Samenerguss, schützt vor Prostatakrebs. Das haben Forscher des National Cancer Instituts in irgendeinem amerikanischen Kaff ermittelt. Dazu sind mehr als 30.000 Männer über einen Zeitraum von acht Jahren untersucht worden. Das Ergebnis bestätigt eine australische Studie aus dem Jahr 2003, die zu dem gleichen Ergebnis gekommen war. Dieser Studie zufolge entwickelten Männer, die rund 21 (!) Mal im Monat ejakulierten – wir erinnern uns: der Monat hat 30 bzw. 31 Tage -, um ein Drittel seltener Prostatakrebs als die Referenzgruppe, die etwa vier bis sieben Mal im Monat einen Samenerguss hatte.

Drittens: Sex macht schlau. Der Liebesakt befördert insbesondere die analytischen Fähigkeiten, haben Forscher der Universität von Amsterdam, Groningen und Bremen in einer gemeinsamen Studie herausgefunden. Die Psychologen ließen 30 Pärchen komplexe Denkaufgaben lösen. In einem ersten Durchlauf hatten die Probanden unmittelbar vorher Sex gehabt, in einem zweiten nicht. Unabhängig vom Geschlecht schnitten die Teilnehmer nach dem Liebesakt im Test durchschnittlich merklich besser ab. Vermutung der Wissenschaftler: Durch den Sex wird wahrscheinlich die Region im Gehirn stärker durchblutet, die fürs logische Denken zuständig ist.

Viertens: Der Beischlaf ist ein gutes Mittel gegen Lampenfieber. Britische Wissenschaftler haben dies in interessanten Versuchsanordnungen festgestellt. Ich kann hier nicht auf Details eingehen, wenn Sie mehr wissen wollen, kommen Sie in meine Sprechstunde; Sie können auch mit Kreditkarte zahlen. Mein Praxistipp für Sie: vor wichtigen Präsentationen, Vorträgen, aber auch vor Vertragsverhandlungen immer eine Liebesnacht einlegen. Oder wie es einer meiner Patienten, ein noch junger Investmentbanker, sagte: „Ficken, damit Sie nicht gefickt werden.“ Dieser Mann hatte mich verstanden.

Sie sehen, es gibt als eine Vielzahl guter Gründer, das Thema ernst zu nehmen.

Gerade auch im Management ist Gesundheit ein wichtiges Gut, mit dem pfleglich umgegangen werden muss. Doch wie sieht die Praxis aus?

Die Praxis sieht so aus, dass die meisten von uns mit dem Thema Sex total schludrig und – ja, lassen sie mich das sagen – unprofessionell umgehen. Das gilt auch für die Damen und Herren Manager, wie wir bei uns am Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen immer wieder feststellen müssen.

Es ist doch pervers: Beim Essen zählen wir jede Kalorie, die wir zu uns nehmen. Wir rennen dreimal die Woche durch den Stadtpark oder ins Fitnessstudie. Wir verzichten auf Drogen und Tabak. Wir halten uns beim Alkohol zurück. Und wofür das Ganze? Alles für die Gesundheit und mentale Fitness. Nur beim Sex, da rumpeln wir durchs Leben. Ohne Sinn und Verstand. Damit muss einfach Schluss sein. Gerade Manager sollten hier ein Vorbild sein.

Treffen sich zwei Freundinnen. Sagt die eine: „Du, sagst du eigentlich deinem Mann, wenn du einen Orgasmus hattest?“ Darauf die andere: „Nein, er mag es nicht, wenn ich ihn im Büro anrufe.“

So gehen unsere Wirtschaftskapitäne mit diesem wichtigen Thema um! Skandalös! Während ihre Ehefrauen auf Tennisplatz und Chaiselongue etwas für Ihre Gesundheit tun, sitzen die Manager im Meeting und knabbern Kekse.

Zwei Manager sitzen nach einem anstrengenden Kongresstag abends an der Hotelbar. Sagt der eine: „Ist Ihre Frau eigentlich gut im Bett?“ Darauf der andere: „Naja, der eine sagt so und der andere sagt so.“

Ist das nicht traurig? Wenn es um Sex geht, sind unsere Manager total fremdgesteuert. Von ihren Trieben nämlich (Sigmund Freud: „Es“). Nicht sie, die Manager, bestimmen, wann sie Sex haben, sondern ihre Triebe tun es. Die Manager „führen“ kein Liebesleben, sondern sie werden geführt. Das passiert ihnen einfach so. Aber das geht so nicht!!!!

Deshalb fordere ich: Mehr Systematik im Sexleben unserer Manager!

Jeder Manager, das sage ich auch immer meinen Patienten am Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen, jeder Manager, der diese Bezeichnung verdient, hat die verdammte Pflicht, dafür zu sorgen, dass er sexuell ausreichend versorgt ist. Er – und nur er ganz allein – ist verantwortlich für seine ganz persönliche positive Sex-Bilanz. Schon aus gesundheitlichen Gründen.

Nicht dass wir uns da falsch verstehen: Niemand behauptet, dass das einfach ist. Vor allem bei Wochenendbeziehungen. Ein wichtiges Thema, zu dem ich abschließend noch ein paar Worte verlieren muss. Viele Manager führen bekanntlich Wochenendehen oder Wochenendbeziehungen und bleiben daher in der Woche ungeküsst, ungeliebt und unbefriedigt. Gesundheitlich, unternehmerisch und volkswirtschaftlich gesehen eine Katastrophe! Die negativen Konsequenzen für ihre Gesundheit und Leistungskraft sind enorm. Das Potenzial dieser Menschen bleibt zum großen Teil ungenutzt. Können wir uns das leisten? Nein!

Meine Forderung ist seit langem, dass Manager per Arbeitsvertrag zur regelmäßigen sexuellen Betätigung verpflichtet werden müssen. Also ähnlich wie die ehelichen Pflichten. Sex muss einfach Bestandteil der Job Description sein. Und die Ausführung muss natürlich kontrolliert werden, zum Beispiel durch den Aufsichtsrat. Bei Pflichtverletzungen sind dann auch Sanktionen fällig.

Was bedeutet diese Pflicht zum regelmäßigen Sex nun für Manager mit Wochenendbeziehungen? Hier gibt es zwei Möglichkeiten. Die erste ist, der Manager geht mindestens zwei Mal wöchentlich ins Bordell. Also in den Puff. Das aber ist nicht jedermanns Sache. Die zweite Möglichkeit ist die, dass sich der Manager an seinem Einsatzort eine Geliebte zulegt. Also so etwas wie die doppelte Haushaltsführung. Kleinliche Eifersuchtsempfindungen seines Ehe- oder Lebenspartners daheim müssen in einen größeren Zusammenhang gestellt werden und verlieren so von selbst an Bedeutung.

Wichtig ist natürlich auch der finanzielle Aspekt. Sexuelle Aufwendungen zur Aufrechterhaltung der beruflichen Leistungsfähigkeit und Schaffenskraft sind steuermindernd geltend zu machen. Das ist ganz entscheidend. Man weiß, wie diese Dinge ins Geld gehen (Theaterbesuche, Schmuck, teure Restaurants etc.).

Wenn wir diese Dinge beherzigen und rasch und entschlossen in die Praxis umsetzen, dann geht´s nicht nur unseren Managern gut, sondern auch der deutschen Wirtschaft und damit uns allen.

In diesem Sinne: Sie wissen, was Sie zu tun haben…

*Prof. Dr. Hans-Dieter Bosse ist Leiter des Instituts für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen und ein Star, ach was, eine Ikone auf diesem Gebiet. Und trotzdem ist er ganz Mensch geblieben. Was man von manchen Managern nicht sagen kann. Darüber hinaus ist Prof.  Bosse eine von Damian Sicking erschaffene Kunstfigur. Der vorliegende Text ist ein überarbeiter Auszug aus dem Buch “Professor Bosses total verrückte Karrieretipps”. (Das Buch ist derzeit vergriffen. Restexemplare sind noch beim Autor Damian Sicking verfügbar. Bei Interesse einfach E-Mail an sic@damian-sicking.de)

 

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