Kann man es trainieren, vor Präsentationen oder Reden nicht nervös zu sein?

Die Kolumne von Damian Sicking

Neulich auf einer Tagung. Ich war als Moderator gebucht und stand in der Pause mit dem nächsten Redner zusammen Es handelte sich um einen Produktmanager des Unternehmens, welches diese Veranstaltung für seine Kunden durchführte. Er sagte mir, dass er ziemlich nervös sei und sich wünschte, er hätte seinen Auftritt schon hinter sich. Ich gestand ihm, dass ich vor einem Einsatz auch immer angespannt sei und in der Nacht vorher schlecht schlafe. Darauf meinte er verwundert, dass er sich dies gar nicht vorstellen könne, da ich doch schon seit Jahren mit Vorträgen und Moderationen mein Geld verdiene und solche Veranstaltungen somit keine Herausforderungen mehr für mich sein könnten.

Ich bin ziemlich sicher, dass Sie das auch kennen: diese Nervosität und Angespanntheit vor einer Präsentation, einer Rede oder einem anderen Auftritt vor Publikum. Das ist ganz normal. Der eine „leidet“ mehr, der andere weniger. Die spannende Frage lautet: Kann man es trainieren, nicht mehr so nervös zu sein? Oder anders gefragt: Kann man Coolness trainieren?

Ich glaube nicht, dass man dies kann. Oder wenn, dann nur in engen Grenzen. Die Situation ist wie im Sport (wo ich mich zufälligerweise ganz gut auskenne): Man kann noch so viel trainieren – vor dem Wettkampf ist jeder Athlet trotzdem immer nervös und angespannt. Warum ist er das? Weil der Wettkampf der Moment ist, an dem es drauf ankommt. Es ist der Moment des Gelingens oder des Misslingens, des Triumphs oder des Scheiterns. Und jeder Wettkampf ist anders. Gleich sind immer nur die Fragen davor: Habe ich genug trainiert? Wie ist meine Tagesform? Wie sind die äußeren Bedingungen? Wettkämpfe sind einzigartig und ihr Ausgang per se nicht vorhersehbar. Das erzeugt im Athleten Unsicherheit, die sich in Nervosität manifestiert.

Athleten trainieren und sie trainieren viel. Und wenn sie trainieren, dann zu dem Zweck, am Wettkampftag in Top-Form zu sein und ihre optimale Leistung abrufen zu können. Athleten trainieren aber nicht, vor dem Wettkampf nicht nervös zu sein.

Schwimmen Triathlon

Sportler trainieren viel – sie trainieren aber nicht, am Wettkampftag nicht nervös zu sein, sondern ihre optimale Leistung abzurufen.

Im Sport ist eine gewisse Anspannung vor dem Start durchaus leistungsfördernd. Ich bin allerdings nicht der Meinung und es entspricht auch nicht meinen Erfahrungen, dass dies genauso für Menschen gilt, die eine Präsentation oder einen Vortrag oder eine Diskussionsrunde moderieren müssen. Denn (An-) Spannung der Muskulatur ist im Sport der Leistungsentfaltung förderlich. Wer aber eine Präsentation oder einen Vortrag hält, der braucht dafür im Wesentlichen sein Gehirn, und für das Gehirn sind (An-) Spannung und Nervosität leistungsmindernd.

Natürlich gibt es Mittel und Wege, die Nervosität zu reduzieren. Routine ist eins davon. Also je mehr Auftritte oder Wettkämpfe jemand erfolgreich gemeistert hat, desto stärker sein Zutrauen zu sich selbst, dass auch der nächste Auftritt oder Wettkampf nicht komplett in die Hose geht. Auch Meditation, autogenes Training oder Autosuggestion haben sich bei dem einen oder anderen bewährt. Ich selbst nehme gerne ein pflanzliches Beruhigungsmittel, wenn ich spüre, dass die Nervosität überhandnimmt. Aber nichts funktioniert so gut wie das Bewusstsein, bestens vorbereitet zu sein sowie das Wissen, schon viele derartige Situationen erfolgreich gemeistert zu haben.

Nun gibt es im Sport – und auch im Beruf – auf der einen Seite die Trainingsweltmeister und auf der anderen Seite die Wettkampftypen. Die Trainingsweltmeister sind diejenigen, die ein enormes Trainingspensum absolvieren, im Training auch gute Leistungen bringen, diese Leistung im Wettkampf aber nicht umsetzen können. Ganz anders dagegen die Wettkampftypen. Diese lieben den Wettkampf, da erst laufen sie zur Hochform auf und bringen ihre beste Leistung. Ob man zu der einen oder der anderen Kategorie zählt, das ist eine Frage der Persönlichkeit, da kann man nicht wirklich viel machen.

Bedeutet für Sie: Wenn Sie ein Wettkampftyp sind und gerne vor Menschen reden: herzlichen Glückwunsch, das ist ein Plus. Nutzen Sie diese Gabe. Wenn Sie als Redner oder Präsentator eher der Trainingsweltmeister sind: Werfen Sie die Flinte nicht ins Korn. Sie können – um im Bild zu bleiben – trotzdem überdurchschnittliche Leistungen bringen und ins Finale kommen. Beide – Trainingsweltmeister und Wettkampftyp – kommen aber ums Trainieren und Üben nicht herum.

Übrigens: Der Produktmanager hat auf der Tagung trotz seiner Nervosität einen guten Vortrag gehalten und wurde dafür vom Publikum mit einem freundlichen Applaus belohnt.

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