Sollen Manager und diejenigen, die es werden wollen, Marathon laufen?

Aus dem Buch „Professor Bosses total verrückte Karrieretipps“ von Damian Sicking

Woman running in the park

Ist Marathon laufen gut für die Karriere oder doch eher nicht?

Sport spielt bei uns am Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen natürlich eine große Rolle. Vor allem Samstags Nachmittags, wenn die Fußballbundesligaspiele im Fernsehen übertragen werden. Nicht dass sich viele unserer Patienten aus den Chefetagen der deutschen Top-Unternehmen sonderlich für Fußball interessieren. Nein, es ist diese Banalität bzw. diese Belanglosigkeit des Geschehens dort auf den Fernsehschirmen, die eine ungeheure therapeutische Wirkung auf unsere Patienten hat.

Man kann sich wunderbar erregen über diesen Versager Podolski oder die krasse Fehlentscheidung des Schiedsrichters, von dem man genau weiß, wo sein Auto steht, man kann den Gladbachern die Daumen drücken oder die Bremer zum Teufel wünschen oder in die Nordsee – am Ende des Tages ist die ganze Sache für das Leben unserer Patienten von keinerlei Relevanz und daher ist es ihnen auch scheißegal. Beim Abendessen haben sie die Angelegenheit schon längst wieder vergessen.

Irgendwann dämmert dem einen oder anderen Patienten vielleicht sogar, dass das Fußballspiel letzten Endes nichts anderes ist als eine Metapher für sein eigenes Dasein als Manager. Denn von einem Tribünenplatz aus betrachtet ist das, was die Manager in ihren Firmen tun, genauso banal und belanglos wie das, was die Fußballspieler da unten auf dem Platz tun.

Ansonsten zählen die Patienten bei uns am Institut für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen eher zur Fraktion der Passiv-Sportler. Gut, der eine oder andere Manager glaubt, er treibe Sport. Aber das ist eine Illusion.

In unseren Aufnahmegesprächen fragen wir unsere frisch eingetroffenen Patienten ja auch immer, ob sie regelmäßig Sport treiben. Manche sagen dann, sie spielen Golf. Golf!

Golf ist, wie ihnen jeder echte Sportler bestätigen wird, kein Sport. Golf ist genauso sehr Sport wie Rasen mähen oder Straße fegen. Ich habe nichts gegen Golf, um Himmels willen. Nicht dass Sie mich falsch verstehen. Ich habe ja auch nichts gegen Rasen mähen. Golf ist ein nettes Spiel. Aber eben kein Sport. Man sagt ja schließlich auch „Golf spielen“. Golf ist eher so eine Art Freizeitbeschäftigung für Menschen, die gerne karierte Hosen tragen. Oder wie der Golfer Lee Trevino sagte: „Golf ist der größte Spaß, den man mit angezogenen Hosen haben kann.“

Man kann auch sagen, Golf ist die einzige unternehmerisch legitimierte Form der Freizeitbeschäftigung während der Bürostunden. Natürlich nur für das Management. Nicht für das gemeine Volk – dieses muss ja arbeiten. Manager verabreden sich gerne mit anderen Managern zum Golfen. Natürlich immer irgendwann von montags bis freitags in der Zeit von 9 bis 19 Uhr. Angeblich ist das gut fürs Geschäft. Weil dabei Milliarden-Aufträge vorbereitet, verhandelt und abgeschlossen werden. Angeblich. Natürlich ist das völliger Quatsch. Und niemand weiß das besser als die Manager selbst. Aber solange die Mitarbeiter ihnen das abkaufen…

Die Sache mit dem Golf ist schon komisch, wenn Sie mich fragen. Stellen Sie sich vor, der Manager verabschiedet sich am helllichten Vormittag aus seiner Firma, weil er sich mit dem Manager einer anderen Firma nicht zum Golfen, sondern, sagen wir mal, zum Angeln verabredet habe. Da wäre doch augenblicklich die Arbeitsmoral in der gesamten Firma am Boden. Angeln geht nicht. Golf geht. Ist doch komisch, oder nicht?

Golf ist ja mehr so eine Bewegungstherapie. Mark Twain soll ja mal gesagt haben: „Golf ist ein schöner Spaziergang, der einem verdorben wird.“ Finde ich sehr schön formuliert. Gut finde ich auch diesen: Golf ist die chefmäßige Interpretation des Begriffs „Management by Walking Around“. Auch nicht schlecht, oder? Ist original von mir.

Golfer sehen das natürlich komplett anders. Sie sind furchtbar beleidigt, wenn jemand ihr Treiben nicht als Sport bezeichnet. Natürlich ist Golf Sport, sagen sie dann, weil es ja einen Wettkampf gibt. Mann gegen Mann sozusagen. Naja, so gesehen…

Neulich habe ich gehört, dass es Menschen geben soll, die wollen Sitzen offiziell zum Sport erklären. Wer am längsten sitzt, hat gewonnen. Demnächst soll eine Bundesliga gegründet werden. Fürs Sitzen. Wer am längsten sitzt, ist Meister. „Treiben Sie Sport?“ „Ja, Sitzen.“ „Oh, Wahnsinn!“ Neues Leistungsfach an der Deutschen Sporthochschule in Köln: Sitzen. Und in den Sportvereine neue Kurse: Sitzen für Anfänger, Sitzen für Fortgeschnittene, und dann natürlich die Leistungsgruppe Sitzen. Irgendwann ist Sitzen dann auch olympisch.

Obwohl, so etwas Ähnliches gibt es ja bereits. Schießen zum Beispiel. Schießen ist ja bekanntlich schon lange Bestandteil des olympischen Programms. Dabei ist Schießen auch nichts anderes als Sitzen, nur im Stehen. Sport verbindet man ja gemeinhin mit schnellem Puls, mit Atemnot und verschwitzten Hemden. Beim Schießen ist es so, dass die Schützen sogar Medikamente nehmen, um den Pulsschlag zu verlangsamen! Ist zwar verboten, aber wahr. Damit die Hand, die die Pistole hält, schön ruhig ist.

Stellen Sie sich vor, Sie wiegen bei einer Größe von 1,78 Meter 120 Kilo, haben einen Cholesterinwert von 300 und einen Blutdruck von 200. Ihr Hausarzt verordnet ihnen regelmäßigen Sport. Ein halbes Jahr später wiegen Sie 130 Kilo, Ihr Cholesterinwert liegt bei 350 und der Blutdruck bei 220. „Guter Mann“, sagt der Arzt, „hatte ich Ihnen denn nicht gesagt, Sie sollen regelmäßig Sport machen?“ Darauf Sie: „Hab ich doch auch. Vier Mal die Woche sogar.“ Arzt: „Ja welchen Sport haben Sie denn betrieben, um Himmels willen?“ Sie wiederum: „Schießen.“ Arzt: „Ach so, eigenartig, dass sich Ihre Werte nicht verbessert haben.“

Es ist wirklich schon , was heutzutage alles als Sport bezeichnet wird. Segeln – ist auch so ein Nicht-Sport. Aber ebenfalls olympisch. Naja, lassen wir das.

Kehren wir lieber zu unserem Thema zurück. Ich werde von jungen Menschen immer wieder gefragt, ob es der Karriere förderlich ist, wenn sie Sport treiben. Meine klare Antwort lautet dann immer: Nein. Es sei denn, man ist Fußballprofi beim FC Bayern München. In diesem Fall ist regelmäßige Körperertüchtigung unter karrieretechnischen Gesichtspunkten sogar zu empfehlen. Aber sonst? Das Beste, was man sagen kann, ist das sportliche Betätigung der Karriere bestenfalls nicht schadet.

Allerdings, was man an dieser Stelle durchaus zugestehen muss: Durch Sport können Sie Ihr Ansehen und Ihre Reputation in Ihrem Betrieb steigern. Aber es kommt darauf an. Nicht jeder Sport ist dazu geeignet. Zum Thema Golf habe ich mich ja schon. Golf ist – vielen Annahmen zum Trotz – nichts, womit man angeben kann. Es sei denn, Sie haben ein einstelliges Handicap, und das ist dann auch schon wieder verdächtig.

Mit Fußball kann man auch keinen beeindrucken.

Mountainbike? Schon besser. Eine Alpenüberquerung sollten Sie aber schon nachweisen können.

Rennrad? Okay, aber nur, wenn Sie die Disziplin Zeitfahren betreiben und ein Foto von sich und dem Formel-1-Boliden des Radsports in Ihrem Büro hängen haben.

Reiten oder Tennis? Vergessen Sie´s.

Bodybuildung und Gewichtheben geht auch nicht – zumindest nicht wenn Sie aussehen wie Mister Universum. Viel zu negativ belegt (dumm, unterbelichtet und selbstverliebt).

Triathlon? Schon besser, aber nur, wenn Sie mehr vorweisen können als die Teilnahme am Volkstriathlon in Lippspringe. Seien Sie im Besitz eines Startpasses der Deutschen Triathlon Union und drapieren Sie den Startpass in Ihrer Geldbörse so, dass man ihn sehen kann. (Goldene Kreditkarte kann jeder!) Aber eigentlich zählt nur der Ironman.

Wie bitte, Nordic Walking? Machen Sie sich doch nicht lächerlich! Wir reden hier von Spohort!

Kampfsport, also Boxen, Karate etc.? Klares Nein.

Bis auf Judo. Judo gilt als Akademikersport und ist daher akzeptiert.

Das Gleiche gilt auch für Fechten.

Ringen wiederum ist ein absolutes Nogo. Schon allein wegen der Klamotten. So eine Art Babystrampler in groß mit eingebauten Hosenträgern. Obwohl, da hat sich in der letzten Zeit eine Menge getan. Aber trotzdem. Ringen geht nicht. Ringen hat zwar eine lange Tradition bis ins die griechische Antike hinein, gilt aber heute in weiten Kreisen als nicht gesellschaftsfähig. Das gilt natürlich nicht, wenn Sie in Schifferstadt oder Aalen arbeiten. Da MUSS man ringen. Wenn Sie dort nicht ringen, werden Sie morgens beim Bäcker nicht einmal bedient und vom Rest der Bevölkerung geschnitten. Bedeutet aber auch, dass Sie sich nicht positiv von der Masse abheben können.

Wie sieht´s denn mit Schwimmen aus? Schwimmen ist okay, wenn Sie schnell sind und Ihre Figur entsprechend ist. Nur über Wasser halten reicht nicht aus.

Eishockey: absolut zu empfehlen. Eishockeyspieler gelten als harte Jungs, die wegen ein paar ausgeschlagener Vorderzähne noch lange nicht nach Hause gehen. Ausgeschlagene Zähne machen sich im Außendienst allerdings nicht so gut, da sollte man drauf achten.

Joggen bzw. Laufen? Kommt drauf an. Wenn Sie, sagen wir, zwei Mal in der Woche jeweils fünf oder sechs Kilometer mit einem Schnitt von 7 km/h in einer Bewegungsform zurücklegen, die Sie Laufen nennen, dann mag das zwar Ihrer Gesundheit und Stimmung zuträglich sein, steigert Ihre innerbetriebliche Reputation aber genauso wie Plätzchen backen. Marathon muss es dann schon sein.

Und viele Manager laufen ja auch Marathon. Ist Ihnen ja vielleicht auch schon aufgefallen. Warum sie das tun, weiß allerdings kein Mensch. Manche Leute – natürlich eingefleischte Läufer – behaupten ja, dass man durch Laufen ein besserer Manager wird. Das ist natürlich ein Riesen-Blödsinn. Sie werden ja auch nicht durch Managen ein besserer Läufer.

Warum laufen so viele Manager überhaupt Marathon? Aus Spaß, sicher, das gibt´s auch. Man rutsch da so rein. Es fängt oft ganz harmlos an. Man will ein paar überflüssige Pfunde verlieren oder einfach mal was für die Gesundheit tun. Und zack! Schon läuft man zwei Stunden am Stück. Und dann kommt jemand daher und fragt: Du, wie sieht´s aus, wollen wir nicht mal zusammen den Marathon in Lippspringe laufen, wunderschöne Strecke, tolle Atmosphäre. Und dann macht man es halt. Das ist die eine Variante.

Die andere ist die: Viele Manager laufen Marathon, um überhaupt noch ein Erfolgserlebnis zu haben. Doch, ganz im Ernst. Sie müssen sich nur mal die Anmeldestatistiken der Marathonveranstaltungen ansehen. In Krisenzeiten, also immer wenn die Wirtschaft schrumpft oder vor sich hindümpelt, dann schnellt die Zahl der Manager, die sich für einen Marathon anmelden, sprunghaft nach oben. Woran liegt das?

Das liegt natürlich daran, dass unsere Manager von Natur aus sehr erfolgsorientierte Menschen sind, und wenn sich der Erfolg im Beruf und im Geschäftsleben gerade mal rarmacht, dann suchen sich diese Menschen das Erfolgserlebnis eben irgendwo anders. Entweder im Lotterbett einer weiblichen Eroberung. Oder beim Marathon. Am liebsten dann auf der schnellen Strecke in Berlin. Oder, wer es ganz besonders nötig hat, beim „Hochamt des Langstreckenkaufs“, dem New-York-Marathon. Anschließend kehren Sie wieder heim in ihre Büros, mit ihren Finishershirts und Medaillen und sind noch ganz besoffen von ihrem Erlebnis und noch immer schwer beeindruckt von ihrer eigenen Leistung, und schwärmen mit leuchtenden Augen, dass sie sogar den aktuellen Weltrekordler fast gesehen hätten.

So ein Manager, der kann ja nicht einfach einen Marathon laufen. So mit dem Ziel „Ankommen“. Ankommen ist kein Ziel für einen Manager. Manager sind ja keine „Mitläufer“. Da muss schon eine Zeit stehen. Sub-4, das ist das mindeste. Also unter vier Stunden. Eine Studie im Rahmen des Frankfurt-Marathon vor einigen Jahren hat ergeben, dass Läufer mit einem Jahreseinkommen von mehr als 500.000 Euro (!) durchschnittlich 16 Minuten früher im Ziel waren als normale Einkommensbezieher. Warum? Das hat die Studie nicht verraten. Aber sicher nicht, weil sie so schnell wie möglich wieder an ihren Schreibtischen sitzen wollten. Sondern ich vermute, wegen dieser Kompensationssache, von der ich oben sprach. Wegen dieser Frustrationskompensationskompetenz, die so ein Manager einfach haben muss.

Nun gut, kehren wir zurück zu unserer Ausgangsfrage: Ist Marathonlaufen gut für die Karriere? Ich sag´s noch einmal für die, die es vorhin nicht mitbekommen haben: Nein! Ich will das kurz erläutern.

Laufen ist gesund. Darauf können wir uns einigen. Zumindest grundsätzlich mal. Laufen senkt den Blutdruck und den Cholesterinspiegel. Laufen vermindert das Risiko, einen Herzinfarkt zu bekommen. Laufen hilft auch beim Abnehmen. Aber Vorsicht, das sage ich hier als Mediziner. Wer schwer übergewichtig ist und abnehmen will, für den ist Laufen nicht die erste Wahl. Warum? Weil Sie sich dann die Gelenke, Sehnen, Bänder und Muskeln kaputt machen. Nebenbei bemerkt: Deshalb ist Joggen auch der Lieblingssport der Orthopäden. Aber das ist ein anderes Thema.

Viele Schwergewichte steigen dann ja zunächst mal aufs Radfahren um. Weil das gelenkschonend ist. Insofern ist das grundsätzlich schon mal vernünftig. Aber man sollte ihnen sagen, dass die Empfehlung, Joggen durch Rad fahren zu ersetzen, nicht bedeutet, dies bei gleicher Geschwindigkeit zu tun. Viele scheinen das nicht zu wissen. Die sind dann auf dem Rad genauso schnell unterwegs wie beim Laufen. Also irgendwo bei 7 km/h. Besonders gut beobachten läßt sich das im Fitnessstudio. Da sitzen die Frauen – meistens sind es Frauen – auf dem Ergometer, am liebsten noch auf einem dieser Teile mit Rückenlehne, eine aufgeschlagene Bunte oder Gala in der Hand, und die Beine bewegen sich in Zeitlupe. Um aber den immensen Flüssigkeitsverlust auszugleichen, kippen sie in der halben Stunde, die sie da sitzen, circa 1,5 Liter Elektrolytgetränk in sich hinein. Kalorienverbrauch dieser Übungseinheit: 48. Kalorienzufuhr durch das Sportgetränk: 700.

Aber zurück zum Thema. Laufen ist, wie gesagt, durchaus gesund und sorgt bei vielen Menschen auch für gute Laune. Wenn man es nicht übertreibt. Insoweit ist alles prima. Doch es gibt auch Negatives. Gerade unter Karriereaspekten. Denn langes Laufen senkt nicht nur Blutdruck und Cholesterinwerte, sondern auch den Testosteronspiegel. Vor allem bei Männern.

Testosteron? Kennen Sie: Ein männliches Sexualhormon, das unter anderem für den Aggressionstrieb verantwortlich ist. Also Energie. Wenn Dauerlaufen nun den Testosteronspiegel senkt – und das ist so, das hat die Wissenschaft zweifelsfrei festgestellt -, dann bedeutet das in der Konsequenz: Laufen macht friedlich, wirkt also ähnlich wie ein Marihuana-Joint. Das ist ja an sich nichts Schlechtes und auch nichts, für das man sich schämen muss. Für jemanden, der auf der Karriereleiter nach oben kommen will, ist so ein tiefergelegter Testosteronspiegel natürlich ganz schlecht. Denn wer es im Betrieb nach oben schaffen will und auch derjenige, der sich dort behaupten will, der braucht diesen prall gefüllten Testosteronsack, der braucht diese Grundaggression. Da ist Laufen natürlich genau das Falsche.

Aber das ist noch nicht alles. Neben dem Testosteronabfall wirkt sich natürlich auch noch der Energieverlust infolge des stundenlangen Laufens durch die Prärie negativ auf den Willen nach oben aus. Da gehe ich später noch ausführlicher drauf ein.

Wie groß der Einfluss des Testosteronspiegels auf Karriere und insgesamt beruflichen Erfolg ist, dafür gibt es inzwischen auch wissenschaftliche Belege. Die Universität Cambridge hat zum Beispiel britische Börsenmakler untersucht. Das Ergebnis: Je höher der Testosteronspiegel der Banker war, desto aggressiver gingen sie in ihren Jobs zu Werke und desto größer waren die Gewinne, die sie am Ende des Tages erzielt hatten. Die Süddeutsche Zeitung, die damals von dieser Untersuchung berichtete, hatte sich zu der Schlagzeile „Wall Street, bitte dopen!“ hinreißen lassen. Okay, nach Bankenpleiten, Finanz- und Wirtschaftskrise würden wir heute lieber nur noch kastrierte Banker haben, aber das ist ein anderes Thema.

Ziehen wir also ein erstes Fazit: Laufen ist kein Karrierebeschleuniger, wie manche glauben machen wollen, sondern ein Karriereverhinderer.

Übrigens, mal am Rande, aber trotzdem als praktische Lebenshilfe: So ein Testosteronspiegel – zum Beispiel eben durch Langstreckenlaufen – wirkt sich auch auf das sexuelle Verlangen aus, wobei gilt: niedriger Testosteronspiegel = geringes sexuelles Verlangen (Libido), hoher Testosteronspiegel = großes sexuelles Verlangen. Ein niedriger Testosteronspiegel kann somit in beziehungstechnischer Hinsicht entweder positiv oder negativ sein, je nach Qualität der Beziehung. Katholische Priester können gar nicht genug laufen, wenn Sie mich fragen.

Langstreckenlaufen und Sex – das sind sowieso zwei gegensätzliche Pole. Zum einen machen Marathonläufer im Bett keine gute Figur. So dürre Kerle mit 45 Kilo Lebendgewicht, nur Haut und Knochen! Die wecken allenfalls den Fütterinstinkt der Frauen. Nein, also da stellt sich ein Frau schon etwas anderes vor. Fragen Sie doch mal Ihre Frau, ob sie sich lieber an die knochige Schulter und die eingefallene Hühnerbrust eines Marathonläufers oder lieber an die starke, breite Schulter und den muskulösen Brustkorb eines Zehnkämpfers anlehnen würde. Ich kann Ihnen die Antwort jetzt schon verraten.

Aber das ist den Marathonläufern auch egal. Denn aufgrund des niedrigen Testosteronspiegels haben sie mit Frauen im Bett ohnehin nichts am Hut. Im Gegenteil, sie sind froh, wenn sie sexuell in Ruhe gelassen werden. Es gibt ja Marathonläufer, die haben mit dem Laufen nur angefangen, weil sie sexuell nicht mehr zum Zuge kamen. Und nach einer Weile haben sie erstaunt und gleichzeitig erfreut festgestellt, dass sich ihr sexuelles Verlangen in Luft aufgelöst hat. Dadurch wurden zahllose Ehen gerettet. Die Ehefrau hatte ihre Ruhe, und ihr Mann hatte keinen Druck mehr. Alles eine Sache der Kompensation.

Trotzdem muss man sagen: Langstreckenläufer sind schon ein komisches Völkchen. Zum einen sind sie tendenziell immer schlecht gelaunt. Gut, das kann man verstehen. Wer wäre das nicht, wenn er andauernd durch die Gegend rennen müsste. Deshalb gibt es ja auch keine guten Läufer-Witze. Kennen Sie einen guten Läufer-Witz? Ich nicht. Gehen Sie doch mal ins Internet und suchen Sie dort einen guten Läufer-Witz. Da werden Sie nicht fündig. Was Sie da finden, geht so:

Zwei Läufer laufen am Waldrand. Plötzlich sehen Sie ein abgetrenntes Bein im Gebüsch. „Oh, ein Bein“, sagt der eine. Sie laufen weiter. Dann sehen Sie einen ausgerissenen Arm. „Oh, ein Arm“, sagt der andere. Sie laufen weiter und sehen einen abgetrennten Kopf. „Das ist ja der Bernd“, sagt der eine. Darauf der andere: „Hoffentlich ist ihm nichts passiert.“

DAS sind Läuferwitze! Unlustiger geht´s nimmer. Den besten Läuferwitz musste ich mir selbst zusammenfrickeln. Der geht so:

Ein Läufer bricht am Ziel des Marathons zusammen. Herzinfarkt. Er wird in einen Krankenwagen gepackt, und der fährt los. Nach einer Weile erwacht der Läufer aus seiner Ohnmacht und röchelt: „Wo fahren wir denn hin?“ „Zum Friedhof“, sagt einer der Sanitäter. „Zum Friedhof?“, stammelt der Läufer, „aber ich bin doch noch gar nicht tot.“ Darauf der Sanitäter: „Wir sind ja auch noch nicht da.“

Was noch erschwerend hinzukommt: Läufer sind permanent verletzt oder es tut ihnen irgendetwas weh. Auch ein Grund fü für ihre schlechte Dauerlaune. Kennen Sie den kürzesten Läuferwitz? „Treffen sich zwei gesunde Läufer.“ Die Achillessehne, das Knie, die Hüfte, irgendwas ist immer. Aber anstatt sich dann hinzusetzen und erst mal gar nichts zu tun, was macht so ein Läufer? Er geht erst mal wieder laufen. Er sagt dann, er würde den Schmerz weglaufen. Nicht „vor dem Schmerz weglaufen“, sondern „den Schmerz weglaufen“. So wie man den Durst wegtrinkt. So glaubt er, den Schmerz weglaufen zu können. Das ist schon ziemlich Banane, nicht wahr?

Außerdem sind Langstreckenläufer andauernd erkältet. Weil sich ihr Immunsystem durch das permanente Laufen verabschiedet hat. Für einen richtigen Läufer gibt es ja auch nichts Schlimmeres, als ein paar Tage nicht laufen zu können. Zum Beispiel weil er sich gerade auf einem Flug zur Weltraumstation ISS befindet. Dann wird er unleidlich. Und je länger er unterwegs ist, desto unausstehlicher wird er.

Eines der wichtigsten Kriterien von laufenden Managern bei der Planung einer Geschäftsreise ist tatsächlich, wann sie wo am besten laufen können. Eher verzichten sie auf die Geschäftsreise als auf das Laufen. Dann schicken sie lieber den Müller. Wenn der Termin aber so wichtig ist, dass sie ihn unbedingt selbst wahrnehmen müssen und sich gleichzeitig keine Laufrunde in diese Geschäftsreise integrieren läßt, dann sind sie so miesepetrig und schlecht gelaunt, dass der Termin mit Sicherheit in die Hose geht. Da hätten sie auch gleich zu Hause bleiben können.

Also fassen wir noch einmal zusammen: Angesichts der Tatsache, dass Langstrecken- und Marathonlaufen den Testosteronspiegel senkt und ein niedriger Testosteronspiegel sich ungünstig auf den Willen und die Fähigkeit zum beruflichen Aufstieg auswirkt, sollten Menschen, die auf der Karriereleiter nach oben und/oder dort bleiben wollen, aufs Dauerlaufen verzichten.

Es gibt allerdings eine wichtige Ausnahme: Wenn der Chef selbst Marathon läuft. Dann sollte man sogar unbedingt laufen. Junge Leute, die sich hier geschickt verhalten und vielleicht sogar gemeinsam mit dem Boss in Training oder Wettkampf schnaufen, dürfen sich Hoffnungen auf wohlwollende Berücksichtigung bei der nächsten Vergabe eines Pöstchens machen.

Ich komme zum Schluss. Der große Wilhelm Busch, der auch nie im Leben einen Marathon bestritten hatte, sagte einmal: „Ausdauer wird früher oder später belohnt – meistens aber später.“ Wir fügen hinzu: Oder eben auch gar nicht. In diesem Sinne: Lassen Sie´s laufen.

Prof. Dr. Hans-Dieter Bosse ist Leiter des Instituts für Business bedingte Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen und ein Star, ach was, eine Ikone auf diesem Gebiet. Und trotzdem ist er ganz Mensch geblieben. Was man von manchen Managern nicht sagen kann. Darüber hinaus ist Prof.  Bosse eine von Damian Sicking erschaffene Kunstfigur. Der vorliegende Text ist ein Auszug aus dem Buch Professor Bosses total verrückte Karrieretipps“.

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