Gibt es ein Umsatzwachstum zweiter Klasse?

Die Kolumne von Damian Sicking

Neulich beklagte ein Journalistenkollege in einem Artikel über ein großes deutsches Einzelhandelsunternehmen, dass der Umsatz im ersten Halbjahr nur aufgrund von Flächenausweitungen und Firmenakquisitionen gestiegen sei. Auf vergleichbarer Fläche (also ohne diese Maßnahmen) seien die Erlöse im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sogar zurückgegangen, monierte er. Der Artikel liest sich so, als gäbe es zwei Arten von Umsatzwachstum: Das gute, nämlich das „organische“ Wachstum, und das schlechte Wachstum, das „Wachstum zweiter Klasse“, das auf Firmenübernahmen und Flächenausweitung beruht.

Fußball Treffer, mit sonnigem Himmel

Das Runde muss ins Eckige. Egal wie.

Ich würde diesen Fall nicht erwähnen, wenn er ein Einzelfall wäre. Dieses Herumnörgeln an einer Geschäftsentwicklung, die auf Akquisitionen oder Flächenausweitung (etwa durch Eröffnung neuer Filialen) ist aber tatsächlich ein immer wieder zu beobachtendes Phänomen in den Medien. „Durch Übernahmen seinen Umsatz aufzublähen, ist ja keine Kunst“, machen solche Kommentare die Leistung der betreffenden Unternehmen schlecht. Oder im Falle von stationären Handelsunternehmen: „Ha, auf vergleichbarer Fläche haben die ihren Umsatz aber nicht gesteigert“, mosern die Kritiker und Neider gerne.

Was aber ist schlecht daran, wenn ein Unternehmen feststellt, dass es aus eigener Kraft nicht weiterwachsen kann, sondern dass es investieren muss, um den Umsatz zu steigern? Das kann durch die Übernahme eines Konkurrenten geschehen oder die Erweiterung der Verkaufsfläche, oder die Erschließung neuer Standorte. Was ist verkehrt daran? Ich denke: nichts! Im Gegenteil.

Es ist das Gleiche wie bei dem Fußballverein, der feststellt, dass er investieren muss, um sich zu verbessern und in der Tabelle weiter nach oben zu kommen. Investieren vor allem in neue Spieler. Wenn zum Beispiel der FC Bayern München im kommenden Jahr die Champions League gewinnen will, dann braucht er als Verstärkung ein, zwei zusätzliche erstklassige Spieler (mit dem Ex-Dortmunder Robert Lewandowski haben die Bayern entsprechend einen Top-Spieler vom direkten Konkurrenten abgeworben). Wenn dann der FC Bayern die Trophäe gewinnt, kommt dann irgendwer auf den Gedanken, an diesem Erfolg herumzumäkeln nach dem Motto „Aber mit denselben Spielern wie in der letzten Saison (also `auf vergleichbarer Fläche´) hätten die Bayern den Titel nicht geholt?!“ Das würde kein Mensch sagen. Warum nicht? Weil es absurd ist.

Aber im Fall eines durch Übernahme oder Flächenausweitung gesteigerten Umsatzes nörgeln viele gerne herum. Dabei verkennen sie, dass die Firmen, die so handeln, nichts anderes tun als der FC Bayern in unserem Beispiel: Sie haben erkannt, dass sie mit den vorhandenen Mitteln an ihre Grenzen stoßen und dass sie zur Erreichung neuer Ziele investieren müssen. Das ist unternehmerisch klug und nichts, was man mies machen sollte. Deshalb muss sich auch kein CEO dafür zu entschuldigen, dass der Umsatzwachstum „nur“ akquisitionsbedingt gestiegen sei bzw. so stark gestiegen sei. Der Vorstand des FC Bayern käme in unserem fiktiven Beispiel ebenfalls nicht auf die Idee sich dafür zu entschuldigen, dass er die Champions League in erster Linie wegen der neuen Spieler gewonnen hat. Warum sollte er auch?! Nein, ich bleibe dabei: Es gibt kein Umsatzwachstum zweiter Klasse.

 

Kategorien: Allgemein, Kolumne

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