Ein Vorgesetzter führt mit dem Hintern

Auf unserem Gäste-WC liegt zur Unterhaltung und Inspiration das Buch „Verdammt gute Tipps (für Leute mit Talent)“ des amerikanischen Werbetycoons  George Lois. Das Buch enthält 120 Tipps und Anregungen, die dem Leser zu mehr Erfolg verhelfen sollen (vor allem außerhalb des WCs). Ich kann das Buch nur bedingt empfehlen, denn es handelt sich im wesentlichen um eine Glorifizierung des Verfassers selbst. Aber für den Zweck auf dem stillen Örtchen eignet es sich aufgrund der meistens nur einseitigen Kapitel viel besser als zum Beispiel ein Asterix-Heft oder Anna Karenina von Leo Tolstoi.

Buch George LoisDie meisten Tipps von Lois habe ich mit der Bedienung der Toilettenspülung bereits vergessen, aber einer beschäftigt mich noch immer. Er trägt die Nummer 60 und lautet so: „Woody Allen hatte recht: Das Leben besteht zu 80 % darin, Präsenz zu zeigen!“ (Im Original: „Showing up is 80 Percent of Life.“)

Als ich dieses Zitat von Woody Allen las, musste ich spontan an einen anderen Satz denken, den ich vor vielen Jahren einmal gehört oder gelesen hatte, kurz nachdem ich mit der Leitung einer Redaktion betraut worden war. Dieser Satz lautet: „Ein Chefredakteur führt mit dem Hintern.“ Soll heißen: Nur wer präsent ist und nahe bei seinen Redakteuren, ist ein guter Chefredakteur. Ich habe viele Jahre als Redakteur und Chefredakteur gearbeitet und bin überzeugt, dass nicht nur Chefredakteure, sondern alle Vorgesetzte „mit dem Hintern führen“ sollten. Führungskräfte, die permanente durch die Lande reisen und mehr durch Ab- als durch Anwesenheit glänzen, die also für ihre Leute im buchstäblichen Sinnen nicht „da“ sind, können nach meiner festen Überzeugung ihre Aufgabe als Führungskraft nicht optimal ausfüllen. Das steht für mich so fest wie das Amen in der Kirche.

Eine zunehmende Herausforderung ist allerdings das Führen von sogenannten virtuellen Teams. Wenn der eine Mitarbeiter in Flensburg sitzt, der zweite in Garmisch, der dritte in Saarbrücken, der vierte in Frankfurt/Oder und der Manager selbst (und sein Hintern) in Düsseldorf, dann stellt sich die Frage, was das für die Präsenz bedeutet. Sicher wird die Sache, also das Führen und Zusammenarbeiten, nicht einfacher, wenn die einzelnen Teammitglieder über die gesamte Republik verstreut sind. Dennoch behält der Satz „Ein Vorgesetzter führt mit dem Hintern“ auch unter diesen veränderten Umständen seine Gültigkeit. Denn es handelt sich ja ohnehin nur um eine Metapher dafür, dass ein Manager für seine Mitarbeiter stets erreichbar und ansprechbar sein sollte. Und das kann er – den modernen Kommunikationsmitteln sei Dank – auch in unsere neuen „virtuellen“ Welt.

(Autor: Damian Sicking)

Schreibe einen Kommentar


*