Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch (Version 3.0)

In der vergangenen Woche war auf  manager-magazin.de ein Interview mit dem Trainer und Theatermacher Severin von Hoensbroech zu lesen. Es ging darin – mal wieder – um das Thema Authentizität in der Chefetage. „Authentisches Auftreten ist in unserer Zeit – in der Unternehmensführung nicht mehr über Befehl und Gehorsam funktioniert – eine wesentliche Erfolgsvoraussetzung“, behauptet von Hoensbroech.

Ich bin wirklich erstaunt, dass für das Thema Authentizität im Management noch immer und immer wieder aufs neue Reklame gemacht wird. Ganz allmählich beschleicht mich der Verdacht, dass es künstlich am Leben gehalten wird. Von wem? Na von den Leuten, die teure Fortbildungskurse zu diesem Thema anbieten. Auch bei Herrn von Hoensbroech kann man solche Seminare buchen, zum Beispiel das Training in neun Modulen „Der authentische Auftritt. Bühnentraining für Führungkräfte“ (Preis auf Anfrage).

Ich sag´s ganz offen: Für mich ist das ganze Gerede davon, wie notwendig, ja entscheidend Authentizität für den Erfolg einer Führungskraft ist, Mumpitz. Nicht dass Sie mich falsch verstehen: Authentizität ist wunderbar, dann nämlich, wenn der Manager ein guter Mensch ist und einen vorbildlichen Charakter hat. Dann ist es toll, wenn er authentisch ist. Was aber, wenn nicht? Wenn der Mensch ein Choleriker ist, ein Schwein, ein Egoist, eine linke Bazille? Finden wir es dann immer noch so toll, wenn unser Vorgesetzter ganz authentisch er selbst ist? Ich denke, dann wünschen sich die meisten von uns, dass dieser Mann seine niederen Triebe, sein ungehobeltes Wesen und seine schlechte Erziehung unterdrückt und er sich zusammenreißt und er sich so benimmt, wie man es in Managementtrainings und Seminaren lernen kann.

Ich habe mich zum ersten Mal im Jahr 2006 mit dem Thema Authentizität befasst. Anlass war damals eine Kolumne des Coaches Dr. Stefan Wachtel im Handelsblatt. Titel des noch immer lesenswerten Textes:  „Authentisch? Nein Danke!“ Ich habe im Netz auch ein Video gefunden, in dem Wachtel seine Thesen erläutert; das Video habe ich hier eingebunden.

Inspiriert von dem Wachtelschen Aufsatz im Handelsblatt schrieb ich damals einen Text zum Thema und gab ihm die Überschrift „Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch“. Ich finde die Headline nach wie vor gut, sie bringt meine Haltung zum Thema auf den Punkt, und daher habe ich mir erlaubt, sie hier noch einmal zu verwenden. Es ist sogar schon das dritte Mal, dass ich diese Headline verwende, und ich kann  meine Hand nicht dafür ins Feuer legen, dass es das letzte Mal ist.

Ich bleibe dabei: Ein authentisches Arschloch braucht kein Mensch – nicht als Ehepartner, nicht als Vater oder Mutter, nicht als Kunden, nicht als Lieferanten, und natürlich auch nicht als Vorgesetzten. (Als Mitarbeiter übrigens auch nicht!) Es gibt Manager, die ihr schlechtes Benehmen ihren Kollegen und Mitarbeitern mit dem Satz „So bin ich nun einmal“ zu rechtfertigen versuchen. Da kann man nur sagen, wenn sie „nun einmal so sind“ und nicht bereit oder in der Lage sind, sich zu ändern und sich professionell zu verhalten, dann sollten sie sich schleichen; wenn nicht freiwillig, dann eben mit freundlichen Grüßen.

Allen Authentizitätsanhängern möchte ich an dieser Stelle gerne einen Lesetipp geben. Vor sechs Jahren schon veröffentlichte Rainer Niermeyer, ehemals Geschäftsleitungsmitglied der Managementberatungsgesellschaft Kienbaum, ein Buch mit dem Titel „Mythos Authentizität“ (Campus-Verlag 2008). Auf rund 200 Seiten erläutert der Wirtschaftspsychologe, warum die Forderung nach Authentizität im Management Unsinn ist. Ob jemand ein guter Manager, eine gute Führungskraft und ein guter Vorgesetzter ist oder nicht, entscheide sich an der Frage, wie gut er seine Rolle ausübe, für die er vom Unternehmen eingestellt und bezahlt werde, so Niermeyer. Mit anderen Worten: Wie professionell er ist. Deshalb lautet der Untertitel des Niermeyerschen Buches: „Die Kunst, die richtigen Führungsrollen zu spielen“. (Interessant übrigens: Auch Schauspieler und Managementtrainer von Hoensbroech schreibt in seinem Werbetext für seine Seminare: „Führen heißt kommunizieren und Führen heißt, eine Rolle ausfüllen“.)

Ich fasse noch mal kurz – sehr kurz – zusammen: Ein Manager muss vieles sein bzw. können – dass er authentisch ist, gehört nicht dazu. Manager müssen nicht authentisch sein – sie müssen professionell sein. Und Authentizität ist kein Bestandteil von Professionalität.

(Autor: Damian Sicking)

Schreibe einen Kommentar


*