Dürfen Vorgesetzte ihre Frau betrügen?

Vor kurzem veröffentlichte das Handelsblatt eine Titelseite, auf der in entspannter und lässiger Haltung Jürgen Fitschen zu sehen ist, einer der beiden Vorstandschef der Deutschen Bank. Dazu die Headline „Führung heißt, Vorbild zu sein.“ Deutschlands größtes Kreditinstitut arbeitet ja derzeit heftig an seinem Kulturwandel, und das ist natürlich eine Sache, die aufgrund ihrer Wichtigkeit in der Chefetage ihren Anfang nehmen und von hier aus in die unteren Stockwerke transportiert werden muss. Kurzum: Wenn es darum geht, Vorbild zu sein, steht der Vorstand in der ersten Reihe.

Handelsblatt-Titelseite vom 9. Mai 2014

Handelsblatt-Titelseite vom 9. Mai 2014

Dachte sich wohl auch Co-CEO Fitschen und legte für den Handelsblatt-Fotographen die Krawatte ab und öffnete sogar den obersten Knopf seines Oberhemdes. Für ein Institut wie die Deutsche Bank kommt eine derart gravierende Änderung der jahrtausendealten Kleiderordnung einer Revolution gleich. Klares Zeichen von Fitschen an alle: Wir meinen es ernst mit unserem Kulturwandel. Vorbildlich.

Trotzdem ist der Satz, mit dem Fitschen hier zitiert wird, Unsinn. Zumindest ist er missverständlich. Führungskräfte müssen nicht in irgendeinem moralischen Sinn Vorbilder oder, wie Managementberater Reinhard Sprenger völlig richtig sagt, „irgendwie bessere Menschen sein“. Super natürlich, wenn sie es sind. Ein Vorgesetzter kann und muss nicht in dem Sinn Vorbild für seine Mitarbeiter sein, dass er nie bei Rot über die Straße geht, seine Frau niemals betrügt, ein Ehrenamt in einer karitativen Organisation übernimmt und den Ironman auf Hawaii als Daylight-Finisher absolviert. Prima, wenn man so einen Vorgesetzten hat, völlig klar. Aber für seine Rolle als Führungskraft ist das alles irrelevant.

Vorgesetzte müssen nicht Vorbild sein. Was sie aber müssen, ist dies: vorbildliches Verhalten zeigen. Zum einen natürlich hinsichtlich der in einer Gesellschaft üblichen Umgangformen (Höflichkeit, gegenseitiger Respekt etc.). Und zum anderen hinsichtlich der im jeweiligen Unternehmen geltenden Regeln und Rahmenbedingungen. Hier müssen sie in der Tat „mit gutem Beispiel vorangehen“. Wenn es zum Beispiel eine firmeninterne Regel gibt, dass für alle Mitarbeiter des Unternehmens um acht Uhr morgens Arbeitsbeginn ist, dann hat selbstverständlich jeder Vorgesetzte diese Regel vorbildlich einzuhalten und pünktlich am Platz zu sein. Findet er diese Regel blöd, kann er versuchen, sie zu ändern, aber so lange sie in Kraft ist, hat er sie einzuhalten.

Fazit: Vorgesetzte müssen sich in Bezug auf bestimmte Dinge zweifelsohne vorbildlich oder beispielhaft verhalten (zum Beispiel in Bezug auf Gewissenhaftigkeit, Professionalität, Kompetenz, Dialogfähigkeit, Hartnäckigkeit), aber Vorbilder sein im Großen und Ganzen? Da kann ich jeden Vorgesetzten verstehen, der bei dieser Forderung verständnislos abwinkt und nur lapidar sagt: „Bin ich Jesus?“

(Autor: Damian Sicking)

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