Digitalisierung der Wirtschaft – die Hütte brennt!

Die digitale Transformation verändert alles. Augen zu und durch ist keine Option. Auch und gerade nicht für Führungskräfte.

Neulich auf einem Kongress des IT-Unternehmens Tech Data (30 Milliarden Dollar Umsatz) in München. Podiumsdiskussion mit acht „Vier-Sterne-Generälen“ der IT-Branche. Unter anderem die Deutschland-Statthalter von IBM, Microsoft, Oracle, Cisco, HP und EMC. Thema der Diskussionsrunde: „Totale Vernetzung – wie verändert dies Geschäftsmodelle von Unternehmen?“ Ich hatte die ehrenvolle Aufgabe, als Moderator die Gesprächsteilnehmer in die eine oder andere Richtung zu lenken und gegebenenfalls einzubremsen.

Im Kern ging es um das Thema, welches die Politik und Wirtschaft momentan mit am meisten beschäftigt: die Transformation der „alten“, analogen Wirtschaft hin zur neuen, digitalen, also von der Informationstechnologie und ihren Segnungen durchdrungenen Wirtschaft. Ein komplexes Thema. Aber wichtig. Und so schwierig nun auch wieder nicht. Ein Beispiel: Früher – in der alten, analogen Welt – wurden die Mülltonnen in regelmäßigen Abständen von der Müllabfuhr geleert, egal ob sie voll waren oder nicht. Heute, in der neuen, digitalen Welt, melden sich die Mülltonnen selbstständig, wenn sie voll sind und geleert werden wollen. Wie sie das tun, ist jetzt mal egal. Auf jeden Fall setzen sich die Müllmänner erst dann in Marsch, wenn sie den Auftrag von den Mülltonnen erhalten haben. Ist natürlich viel sinnvoller und spart Zeit, Energie und Geld.

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Elefantenrunde auf dem Tech-Data-Kongress 2014 (Foto: Tech Data GmbH & Co OHG)

 

Natürlich hatte ich mich gründlich auf die Podiumsdiskussion vorbereitet. Was man auf diese Weise alles dazulernt. Wussten Sie zum Beispiel, dass die deutsche Fußballmannschaft bei der WM in Brasilien ohne die Unterstützung der Informationstechnologie vermutlich nicht Weltmeister geworden wäre und somit ohne den vierten Stern die Heimreise hätte antreten müssen? Glauben Sie nicht? Ist aber so. Im Rahmen der WM hatte der DFB, also der Deutsche Fußballbund, eine Kooperation mit dem Softwareunternehmen SAP aus Walldorf bekannt gegeben. Es ging um Spielanalyse mit der Software „Match Insights“ von SAP. Anhand dieser Software lassen sich Spieler und Spielzüge, taktische Maßnahmen und alles übrige der eigenen und der gegnerischen Mannschaft analysieren und sezieren und dann braucht man nur noch festzulegen, wer gegen wen mit welcher Taktik spielt und in welche Ecke des gegnerischen Tores der Ball geschossen werden muss, damit es ein Treffer wird. Hat die deutsche Mannschaft hervorragend umgesetzt und den verdienten Lohn geerntet. Anschließend war im Internet zu lesen: „Wie Big Data das DFB-Team zum Weltmeister machte.“ („Big Data“, das ist so ein Baustein der digitalen Transformation; ich kann hier nicht tiefer darauf eingehen, wenn es Sie interessiert, geben Sie den Begriff doch mal bei Google ein, sie erhalten mehr als 60.000 Treffer.)

Passend zu dieser WM-Geschichte fand ich vor ein paar Wochen auf Handelsblatt-online ein Interview mit Peter Rettig, seines Zeichens Geschäftsführer des Bundesligisten TSG 1899 Hoffenheim (Klammer auf – Hauptsponsor: SAP – Klammer zu). In diesem Interview sagt Rettig: „Die digitale Vernetzung ist für unsere Arbeit elementar. Dies gilt nicht nur für die Verwaltung, das Marketing und unsere Kommunikation, sondern insbesondere auch für den sportlichen Bereich. Viele unsere eigenen innovativen Ansätze auf sportlicher Ebene basieren auf einer digitaler Vernetzung, auf Telemetrie. Am Ende dieser Entwicklungen wird vermutlich nicht nur die Trainingssteuerung individueller gestaltet, sondern werden auch Spielverläufe in Echtzeit erfasst und analysiert sowie Leistungsdaten einzelner Spieler überwacht.“

Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Wer hätte das vor wenigen Jahren – ach was: vor einem Jahr! – gedacht?! Wenn die Digitalisierung jetzt schon so etwas Erdverbundenes und seinem ganzen Wesen nach zutiefst Analoges wie Fußball erreicht hat, dann muss da was dran sein. Oder? Sollte man denken.

Tun aber nicht alle. Und man lese und staune: Auch in der Wirtschaft, in den deutschen Unternehmen, sitzen viele, die sagen: „Digitalisierung? Geht mich nichts an!“ So hatte das Marktforschungsunternehmen GfK Enigma in einer Studie für die DZ Bank herausgefunden, dass sage und schreibe 70 Prozent der deutschen Betriebe mit einem Umsatz von unter 5 Millionen Euro im Jahr der Ansicht sind, die Digitalisierung im Herstellungs- und Wertschöpfungsprozess habe für sie kaum oder gar keine Relevanz. Und nur bei der Hälfte aller mittelständischen Unternehmen mit einem Umsatz von bis zu 125 Millionen Euro ist die Digitalisierung Teil der Geschäftsstrategie. Erstaunlich auch das Ergebnis einer Studie von IDC aus dem Sommer dieses Jahres: Bei einer Befragung von Führungskräften aus der Industrie hatten 43 Prozent der befragten Teilnehmer den Begriff „Industrie 4.0“ noch nie gehört, geschweige denn, dass sie eine Vorstellung davon hatten, was damit gemeint sein könnte.

Da fragt man sich schon: Ist das noch Ignoranz oder schon Arroganz?

Gut, zugegeben: Die IT-Branche neigt dazu, die Anwender, also ihr Kunden, zu überfordern. Die IT-Branche ist bekannt dafür, dass sie permanent neue Wörter erfindet, die außer Insidern niemand versteht, und sie ist ferner bekannt dafür, dass sie ihre Kunden permanent mit neuen Themen malträtiert. Viele Themen und Begriffe kommen und gehen, nicht alles entpuppt sich als dauerhaft relevant und wichtig.

Aber hier, im Falle der Digitalisierung von allem und jedem, da ist die Sache anders. Darum muss man sich kümmern. Das bleibt. Und das verändert die Art und Weise, wie wir arbeiten, wie wir zusammenarbeiten, wie wir Produkte herstellen nachhaltig. Und es verändert auch die Produkte selbst. Nehmen wir das Auto. Das Auto entwickelt sich mehr und mehr zum Computer auf vier Rädern. Was ist BMW? Ein Automobilhersteller? Auf dem Tech-Data-Kongress sagte Gastredner Dr. Nicolai A. Krämer, Leiter Vernetzte E-Mobilität, BMW Group in München, wortwörtlich: „BMW ist eine IT-Company.“ Wow, das hat in dieser Deutlichkeit noch niemand gesagt.

Aber so ist es! Und dahin geht die Entwicklung, nicht nur für die Automobilbranche, sondern für alle. Die Unternehmensberater von McKinsey sagen voraus, dass jede Firma eine Technologie-Firma werden müsse. Jede! Ich zitiere aus einem Wirtschaftswoche-Artikel: „Wer künftig Strategien für sein Unternehmen erarbeitet, wird dem Thema Technologie mehr Raum geben müssen. Für Richard Dobbs, Senior-Partner bei McKinsey, ist Technologie die Voraussetzung jeder (!!!) künftigen Unternehmensstrategie. McKinsey rät Firmen sich einen `Chief Digital Officer´ zu leisten, der die technologische Entwicklung voranbringt.“

So. Wer jetzt die Arme vor der Brust verschränkt und meint, das alles gehe ihn nicht an, für den wird es ein böses Erwachen geben. Nicht morgen, vielleicht auch noch nicht übermorgen. Aber dann wird´s kritisch. Fragen Sie doch mal die Leute aus der Verlagsbranche, wie die Digitalisierung bereits ihr Geschäft durcheinandergewirbelt hat. Oder den stationären Handel. Apropos Handel: Nach einer Prognose des Instituts für Handelsforschung aus Köln werden bis zum Jahr 2020 – das sind nur noch sechs Jahre – 30 Prozent aller klassischen Händler aus dem Markt ausscheiden. Und weitere 40 Prozent werden nur dann überleben, wenn sie ihr Geschäftsmodell an die Bedingungen der Digitalisierung anpassen. Eine Studie von Gartner sagt voraus, dass branchenübergreifend mindestens 25 Prozent der Unternehmen ihre Wettbewerbsfähigkeit verlieren werden, weil sie es nicht schaffen, ihr Geschäftsmodell an die Digitalisierung anzupassen.

So, und was bedeutet das jetzt für die Führungskräfte in unseren Unternehmen? Das bedeutet vor allem, dass sie es sich nicht mehr leisten können, die Digitalisierung auszusitzen. Denn die Digitalisierung läßt sich nicht aussitzen. Sie kommt, so oder so. Beziehungsweise sie ist schon längst da. Führungskräfte, gerade sie, müssen sich schlau machen. Die Digitalisierung bietet phantastische Perspektiven und Möglichkeiten. Angst vor ihr muss nur derjenige haben, der sie verdrängt oder vor ihr davonläuft. Natürlich muss jetzt niemand noch schnell einen Abschluss als Ingenieur oder Informatiker nachholen, um den Anschluss nicht zu verlieren. Aber Technologie wird wichtiger, das läßt sich nicht leugnen. Also lautet die Empfehlung, sich schlau zu machen, aufgeschlossen zu sein, entsprechende Kongresse und Veranstaltungen zu besuchen, das Thema der digitalen Transformation und die Bedeutung für das eigene Unternehmen bzw. für die eigene Abteilung mit Mitarbeitern und Kollegen zu diskutieren und dem eigenen Chef zu signalisieren, dass man die Wichtigkeit dieser Entwicklung erkannt und verstanden hat.

 

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