Jobwechsel: Man kann sich auch verschlechtern

Die deutschen Arbeitnehmer sitzen auf gepackten Koffern. Nicht alle, aber viele. Das geht aus einer Studie des Marktforschungsinstituts TNS Infratest im Auftrag der Online-Jobbörse StepStone hervor.

Danach sucht ein Viertel der befragten Arbeitnehmer aktiv nach einem neuen Job, 30 Prozent zeigen sich offen für interessante Angebote. Dabei sind vier von zehn Arbeitnehmern auch für Jobs außerhalb ihres Fachgebiets offen, wenn sich im eigenen Bereich kein Angebot findet.

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Wirtschaftspsychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner

Doch Vorsicht bei voreiligen Jobwechseln. Das kann auch schief gehen. Die Münchener Wirtschaftspsychologin und Karriereberaterin Madeleine Leitner betont, dass nicht jeder Stellenwechsel eine Verbesserung darstellt. Man kann sich auch verschlechtern. Besonders gefährdet: Frauen und Männer Ende 30. In einer Art Midlife-Crisis geraten sie in Torschlusspanik. Sie erliegen dem Mythos, dass man jenseits des 40.Lebensjahrs nichts mehr ändern könne. Nach dem Motto „Das kann doch nicht alles gewesen sein“ kündigen sie ihre Jobs und fangen etwas Neues an – nicht selten mit verheerenden Folgen.

Der vermeintliche Traumjob entpuppt sich nicht selten als Albtraum. Man gerät in eine Mördergrube, die Firma geht pleite, die Position erweist sich als Schleudersitz, weil man unlösbare Aufgaben bekommt, die Firma baut ab und die Neuen müssen als erste gehen… Leitner: „Ich habe Klienten kennen gelernt, die nach fast 20 Jahren in der alten Firma kündigten und das bitter bereuten. Manche haben sogar innerhalb der Probezeit ihren angeblichen Traumjob wieder verloren.“

„In den vergangenen Jahren habe ich durch meine Arbeit immer wieder Leute getroffen, die überlegt haben, zu kündigen und sich etwas vermeintlich Besseres zu suchen, nur weil sie dachten, es sei jetzt die letzte Gelegenheit“, sagt Leitner. Es gibt sogar eine wissenschaftliche Erklärung für dieses Phänomen: aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass Privilegien sehr schnell selbstverständlich werden. Im Gegensatz dazu tendieren Menschen aber dazu, all das, was sie nicht haben, ganz besonders stark wahrzunehmen und daher unter ständiger Unzufriedenheit zu leiden.

Wirtschaftspsychologin Leitern rät zu Folgendem: Hinterfragen Sie Ihren Wunsch nach Veränderung genau. Was ist die Ursache für Ihre Unzufriedenheit? Ist eine Wechsel des Arbeitsplatzes wirklich die Lösung? Überlegen Sie genau, was Sie suchen, vermeiden Sie Aktionismus und Schnellschüsse. Machen Sie eine genaue Standortbestimmung und definieren Sie ganz genau, woran Sie erkennen, dass Sie beim passenden Arbeitgeber sind.

Wenn Sie ein Angebot haben, sollten Sie sehr genau recherchieren, was Sie dort wirklich erwartet. Hochglanzbroschüren sind geduldig. Erkundigen Sie sich bei Insidern, die Ihnen etwas Verlässliches über die wirkliche Wirklichkeit erzählen können. Man kann sich auch sehr verschlechtern!

Die Arbeitswelt hat sich grundlegend verändert. Vermeintliche Selbstverständlichkeiten wie eine einigermaßen geregelte Arbeitszeit, ein gewisser Kündigungsschutz, ein 13. oder sogar 14. Monatsgehalt und 30 Urlaubstage sind heute keine Selbstverständlichkeit mehr. „Für manche Teilnehmer an meinen Seminaren war die größte Erkenntnis, dass sie in Wirklichkeit schon jetzt einen sehr guten Job haben, das aber gar nicht mehr bemerkt haben. Diese Erkenntnis hat sie anschließend dazu motiviert, wieder mit neuem Schwung an ihre alte Arbeit zu gehen.“

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