Der Mensch wächst mit seinen (erfolgreich gemeisterten) Aufgaben

Über eine interessante Studie berichtet einmal mehr die Universität Mannheim. Sie kennen die Situation alle: Eine unangenehme Aufgabe wartet auf Sie, zum Beispiel eine Präsentation vor einem hochrangigen Kreis von Zuhörern, und das auch noch in einer Sprache, die Sie nicht optimal beherrschen. Nun stellen Sie sich zwei Szenarien vor: Szenario 1: Sie beißen sich durch und halten die Präsentation. Szenario 2: Kurz vor dem Termin wird Ihnen mitgeteilt, dass Sie die Präsentation aus irgendwelchen Gründen nicht halten müssen. In beiden Fällen fühlen Sie Erleichterung. So weit, so gut.

Doch damit waren die Wissenschaftler nicht zufrieden. Sie vermuteten, dass die Art der akuten Erleichterung zwar in beiden Fällen gleich sei kann, der „Lerneffekt“ aber in Bezug auf zukünftige unangenehme Aufgaben sehr unterschiedlich sein kann. Denn der Grund für die Erleichterung war ja in unserem Beispielfall jeweils ein anderer. Beim ersten Mal, der erfolgreichen Bewältigen der Aufgabe, sagen Sie vielleicht: „Puh, geschafft.“ Sie haben also eine Leistung erbracht. Und das andere Mal sagen Sie möglicherweise: „Gott sei Dank ist der Kelch noch einmal an mir vorüber gegangen.“ Sie mussten gar keine Leistung erbringen.

Die Wissenschaftler wollten nun wissen, ob sich die Art der Erleichterung unterschiedlich auf das Denken und damit auf die Motivation auswirken kann, zukünftige unangenehme Situationen zu meistern. Dazu der Originaltext der Uni Mannheim:

Lea und Elisa haben heute beide einen Grund zum Feiern. Nach langer Vorbereitung konnte Lea erfolgreich eine schwierige Prüfung hinter sich bringen und Elisa erfuhr im letzten Moment, dass sie eine wichtige Präsentation, die ihr schon lange Sorgen bereitete, nun doch nicht halten musste. Beide sind erleichtert. Aber hat die Erleichterung für beide auch die gleichen Folgen? Schließlich ist Lea erleichtert, weil sie sich durch eine harte Situation erfolgreich durchbeißen konnte. Elisas Erleichterung dagegen liegt nur einem glücklichen Zufall zugrunde.    

Die amerikanischen Forscherinnen Kate Sweeny und Kathleen Vohs* unterscheiden zwischen diesen zwei Erleichterungsarten: Erleichterung nach der Bewältigung oder Erleichterung nach knappem Entkommen einer Aufgabe. Sie untersuchten, ob die zwei Arten der Erleichterung unterschiedliche Folgen haben. In einer Studie sollten die Teilnehmenden ein ihnen unbekanntes Lied vor einer Jury singen. Allerdings streikte bei der Hälfte der Teilnehmenden angeblich die Technik, sodass diese im Gegensatz zu den restlichen Teilnehmenden nicht singen mussten. Mit anderen Worten: Während die Hälfte der Teilnehmenden erleichtert war, weil sie einer unangenehmen Situation knapp entkommen war, fühlten sich die übrigen Teilnehmenden nach ihrer Gesangseinlage erleichtert, weil sie diese unangenehme Situation überstanden hatten. 

Es zeigte sich, dass die beiden Arten der Erleichterung das Denken der Teilnehmenden unterschiedlich beeinflussten. Die Personen, die dem Auftritt knapp entkommen waren, malten sich in deutlich stärkerem Maße aus, wie diese Situation hätte verlaufen und was Schlimmes hätte passieren können. Solches, der Wirklichkeit entgegengesetztes Denken dient dazu herauszufinden, wie wir das Auftreten ungewollter Ereignisse auch in Zukunft erfolgreich verhindern können. Die Kehrseite dieser Art der Erleichterung ist allerdings ein Gefühl der sozialen Isolation, welches durch das Grübeln über das Entkommen aus der Situation entsteht. Dabei ist die Aufmerksamkeit der Person nach innen gerichtet, was den Eindruck der sozialen Isolation erzeugt, weil man sich gefühlt von seiner sozialen Umgebung entfernt. 

Die Personen, die das Lied dagegen tatsächlich singen mussten, verharrten gedanklich deutlich weniger an schlimmen Szenarien. Basierend auf früheren Forschungsergebnissen vermuten die Forscherinnen, dass diese Art der Erleichterung motivieren kann, auch in Zukunft schwierige Situationen anzugehen und sich unangenehmen Herausforderungen zu stellen. 

Damit ist Erleichterung nicht gleich Erleichterung – auch nicht für Lea und Elisa, deren gefühlte Erleichterung sich laut dieser Forschungsergebnisse nicht nur unterscheidet sondern auch unterschiedliche Folgen haben kann. Beiden ist ein Stein vom Herzen gefallen aber Elisa scheint den höheren Preis für ihre Erleichterung zu zahlen. Denn während Lea wahrscheinlich motiviert beginnt für ihre nächste Prüfung zu lernen, hängt Elisa noch ihren negativen Gedanken nach und fühlt sich in der Folge einsam. 

Soweit der Text der Uni Mannheim. Für Sie als Vorgesetzten zeigt dies einmal mehr, wie wichtig für die Weiterentwicklung Ihrer Mitarbeiter es ist, diese herauszufordern und es ihnen zu ermöglichen, schwierige und unangenehme Aufgaben zu meistern – wenn es angebracht und notwendig ist, eben mit Ihrer Unterstützung. Die so erfahrbaren Erfolgserlebnisse steigern das Selbstvertrauen der Mitarbeiter und machen sie zuversichtlich, sich auch weitere schwierige Aufgaben zuzutrauen.

*Sweeny, K. & Vohs, D.K. (2012). On Near Misses and Completed Tasks: The Nature of Relief. Psychological Science, 23(5), 464-468.

 

Kategorien: News, Personalführung

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