Anselm Bilgri: Manager sollten öfter mal einfach nichts tun

Im Interview mit „Der Vorgesetzte“ fordert der ehemalige Mönch und Prior des Benediktiner-Klosters Andechs und heutige Managementberater Anselm Bilgri die Führungskräfte und alle in den Unternehmen beschäftigten Menschen dazu auf, dem teils selbst verschuldeten Stress und Aktionismus zu widerstehen und einfach mal nichts zu tun. 

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Anselm Bilgri: „Setzen Sie sich doch mal auf einen Stuhl und tun zehn, zwanzig, dreißig Minuten lang: nichts.“

Herr Bilgri, vor kurzem wurde von einer Studie berichtet, bei deren Experimenten sich Menschen lieber Elektroschocks verabreichen ließen als nichts zu tun. Überrascht Sie dieses Ergebnis?

Anselm Bilgri: Ich kenne diese Studie nicht, und ich kann auch nichts zu ihr sagen, außer, dass mir die Vorstellung von Elektroschocks, in welchem Zusammenhang auch immer, nicht gefällt. Was das Nichtstun anbelangt, so ist es tatsächlich für viele Menschen alles andere als süß, sondern oft eine schwierige Übung. Setzen Sie sich doch mal auf einen Stuhl und tun zehn, zwanzig, dreißig Minuten lang: nichts. Wir sind ja heute so sehr von unseren Aktivitäten, unseren Plänen, unserem Wollen eingenommen, dass wir das oft gar nicht mehr können: nichts tun.

In einem Interview habe ich folgenden Satz von Ihnen gefunden: „Wir müssen wieder lernen, Zeit einfach so vergehen zu lassen – und das für eine lange Weile, ohne dabei Langeweile zu empfinden.“ Warum ist das Ihrer Meinung nach denn so wichtig?

Bilgri: Der Heilige Benedikt hat das in seiner Mönchsregel schon erkannt: dass der Mensch ein Gleichgewicht benötigt aus An- und Entspannung. Er hat das „ora et labora“ genannt, „bete und arbeite“. Heute würde man „Work-Life-Balance“ dazu sagen, gemeint ist aber dasselbe: wir brauchen, um dauerhaft in einem gesunden Zustand zu bleiben, neben dem Anpacken auch das Loslassen. Das Problem in unserer Zeit ist, dass wir unsere Ambitionen fast ausschließlich auf das Erstere konzentrieren. Dass uns auf der anderen Seite etwas fehlt, merken wir dann manchmal erst dann, wenn es zu spät ist. Daher halte ich es für so wichtig, die Entspannung genauso zu schulen und zu üben wie die Anspannung, und dafür sind Muße und lange Weile so wichtig – gerade auch, weil sie uns mit unserer westlichen Prägung oft so schwer fallen.

Herr Bilgri, eines der größten Probleme von Managern und Unternehmern ist doch gerade der Mangel an Zeit. Jetzt kommen Sie und fordern, dass sich die Manager, die nach eigenem Empfinden um jede Minute kämpfen, auch noch Zeit für Muße nehmen sollen. Besteht da nicht die Gefahr, dass das erhöht den (Zeit-)Druck noch erhöht?

Bilgri: Das glaube ich nicht, und ich meine auch nicht, dass Manager keine Zeit für Muße haben. Sie haben ja auch Zeit für das Golfspiel, den Marathonlauf und die Tour mit dem Bike. Jeder hat Freizeit und füllt sie irgendwie. Mir geht es darum, dass wir gerade in der Freizeit nicht wieder nur Aktivitäten suchen sondern das Gegenteil: das Nichtstun. Und nebenbei bemerkt: wieviel Zeit verbringt der Büromensch heute – auch der Manager – in mehr oder minder wichtigen Meetings! Für zehn Minuten die Tür abschließen, den Rechner ausmachen, auch das Handy, sich hinsetzen, eine Atemübung machen, eine Meditation, oder einfach: Nichts. Das kann jeder, jeden Tag, aber man muss das üben.

Wie soll das mit der Muße denn dann ganz konkret im Unternehmensalltag funktionieren? Die Aufgaben müssen schließlich erledigt werden, und zwar bis zu einer bestimmten Deadline.

Bilgri: Ich fordere ja nicht, dass Termine versäumt werden, weil die Mitarbeiter meditieren. Aber wenn ich mir ansehe, wieviel Aufwand Unternehmen heute in Team-Building investieren, wie viele Kicker-Ecken eingerichtet werden und wie viele Hochseilgärten besucht, dann frage ich mich schon, ob man wirklich auf die eigentlichen Aktivitäten eines Unternehmens immer noch weitere draufgesetzt werden sollten – oder ob man in der Mittagspause nicht auch einfach mal spazieren gehen kann im Park und als Teambuilding ins Kunstmuseum oder in die Oper? Und wieso gibt es für den Energieabfall nach dem Mittagessen zwar edle Kaffeemaschinen an jeder Ecke aber immer noch in kaum einen Unternehmen einen Ruheraum mit abgedunkeltem Licht, Liegen und Decken für ein Mittagsschläfchen?

Sie fordern auch dazu auf, mehr „Mut zum Faulenzen“ zu haben. Heißt das angewandt auf die praktische betriebliche Situation: Mehr Mut haben, auch mal „Nein“ zu sagen, zu bestimmten Forderungen des Chefs?

Bilgri: Das sind unterschiedliche Dinge. Natürlich müssen Mitarbeiter auch mal Nein sagen zu Forderungen ihrer Chefs, wenn es Gründe gibt, wieso diese zu weit gehen, wieso ein Mitarbeiter sich nicht in der Lage sieht, eine Aufgabe zu erfüllen. Dann sollte man das ehrlich formulieren und auch diskutieren. Mit Faulenzen meine ich aber etwas anderes: wenn schon die Arbeitswelt nahezu ausschließlich in die Sphäre der Anspannung fällt, dann sollten wir in der Freizeit gezielt auch das andere suchen: die Entspannung, das Nichtstun, die Muße, das Sein-lassen und Gut-sein-lassen. Tatsächlich aber beobachte ich in meinem Umfeld oft das Gegenteil: Terminkalender, die privat ebenso vollgestopft sind mit Aktivitäten wie im Job. Das ist auf Dauer nicht gesund.

Viele Manager wollen ja abschalten, können aber nicht. Kann man Muße oder Müßiggang denn lernen? Oder anders gefragt: Wie lernt man das und wie lange braucht man dafür, bis man es kann?

Bilgri: Wir bieten in der Akademie der Muße seit mehreren Jahren die „Tage des Innehaltens“ für Führungskräfte an – es ist unser erfolgreichstes Format. Ein Unternehmen bucht jedes Jahr einen ganzen Kurs und schickt immer andere Mitarbeiter. Wichtig für die Manager, die zu uns kommen, ist dass wir wegfahren und dass sie für die vier Tage möglichst alles ausschalten, was sie ansonsten beschäftigt, inklusive Handy und E-Mail. Das ist für viele sehr schwer, aber wir erleichtern dieses Ausschalten durch meditative Übungen, Wanderungen und Impulse aus ganz anderen Welten und zu ganz anderen Themen, als die, mit denen die Teilnehmer sonst beschäftigt sind. Meistens merken sie schon am zweiten Tag, dass sich etwas in ihnen ändert, weitet. Dass sich Neues auftut, dass sich Türen öffnen, die sie vorher nicht gesehen haben.

Im Herbst erscheint Ihr neues Buch „Vom Glück der Muße. Wie wir wieder leben lernen.“ Verraten Sie uns was drin steht?

Meine Co-Autoren und ich haben den Begriff der Muße unter ganz unterschiedlichen Aspekten beleuchtet: aus Sicht der Medizin, der Philosophie, der Religion, unter wirtschaftlichen Aspekten usw. Dazu gibt es Erfahrungen von Menschen mit An- und Entspannung sowie praktische Übungen für jeden im Alltag. Es ist ein sehr schönes Buch geworden für alle, die abschalten und entspannen lernen möchten und Zugang finden zu dem etwas antiquiert klingenden und doch so aktuellen Begriff der Muße.

Ihre „Akademie der Muße  GbR“ in Gräfelfing bei München ist ein Wirtschaftsunternehmen, das natürlich auch Gewinn abwerfen soll. Wie sieht es in dieser Hinsicht aus? Wie gut verkauft sich Muße als „Produkt“?

Bilgri: Kern der Akademie sind die Tage des Innehaltens für Führungskräfte, von denen wir, wenn es unsere Zeit zuließe, weit mehr Termine anbieten könnten, die Kurse sind immer sehr schnell ausgebucht. Was wir seit einiger Zeit darüber hinaus feststellen, ist dass Unternehmen verstärkt maßgeschneiderte Seminare nachfragen, die wir in den Firmen geben. Muße in-house sozusagen. Das ist etwas ganz Neues, und wir haben hier einige sehr spannende Veranstaltungen gehabt. Ich bin mir sicher, dass die Nachfrage weiter steigen wird, denn die Unternehmen merken, dass sie an Grenzen stoßen, was die faktische oder emotionale Belastung ihrer Mitarbeiter angeht. Ich mag den Begriff des Burn-out nicht, da er medizinisch nicht fassbar ist, aber er bezeichnet genau diese Erkenntnis: Menschen müssen sich an ihren Arbeitsplätzen, in ihren Teams wohl- und nicht überfordert fühlen, wenn sie hervorragende Leistungen bringen sollen.

Sie fordern Unternehmer auf, wieder „Werte“ zu leben. Welche Werte leben Sie in Ihrem Unternehmen und inwieweit hat sie dabei Ihre Zeit als Benediktiner-Mönch beeinflusst?

Bilgri: Nach der Regel des heiligen Benedikts ist eine der wichtigsten Tugenden von Mönchen – und damit auch der Führungskraft des Abts – der Gehorsam. Dieser Begriff, mit dem wir uns heute manchmal schwer tun, kommt von Hören. Die Führungskraft sollte also zunächst zuhören, was ihre Mitarbeiter zu sagen haben. Dann gilt es abzuwägen, ggf. Rat einzuholen und dann nach bestem Wissen und Gewissen zu entscheiden. Mein Eindruck ist, dass es heute oft andersherum geht, dass Führungskräfte zu oft mit fertigen Meinungen und Konzepten kommen, die sie ihren Firmen, Abteilungen, Mitarbeitern überstülpen wollen. Ich habe immer versucht, das anders herum anzugehen, so wie ich das als Benediktiner gelernt habe.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Bilgri.

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